THEATERBREMEN

Theater am Goetheplatz

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Oper in drei Akten von Kurt Weill
Text von Bertolt Brecht

„Ich habe keinen Glauben, weder an einen Gott im Himmel noch an einen idealen Zustand im Staat. Es gibt keinen Zustand, in dem das Wort Glück für viele Menschen das gleiche bedeutet. Es sollte diesen Zustand nicht geben.“ (Herta Müller) — Am Anfang steht die Gründung einer Stadt. Weniger aus einem Ideal denn vielmehr aus einem Zustand absoluter Perspektivlosigkeit heraus, beschließen Witwe Begbick, Fatty und Moses, einen Ort in die Welt zu setzen, der Geld bringen soll. Sie wollen das System überlisten, das sie ausgesaugt hat und taufen ihre Stadt „Mahagonny, die Netzestadt“. Doch das System lässt sich nicht überlisten, die Netze bleiben leer – die, die nach Mahagonny kommen, bringen statt Geld nur Unzufriedenheit.
Eine große Depression grundiert Brechts und Weills Lehrstück. In einem gigantischen nihilistischen Projekt verfolgen die Figuren den gemeinsamen Untergang: sich zu Tode fressen, zu Tode saufen, leer vögeln und kaputt boxen. Die Sehnsucht nach dem Punkt Null ist die einzige Utopie, die geblieben ist. Nur in Jim Mahoney bohrt eine Idee von Lebendigkeit, die die wesentlichen Fragen unserer Zeit aufwirft: Wie wollen wir leben? Was heißt Gemeinschaft? Und: Wie bin ich Mensch?

Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Pressestimmen

„Für seine Inszenierung entkernt Regisseur Benedikt von Peter den Zuschauerraum des Bremer Theaters, um das Publikum selbst zu inszenieren. Das Ergebnis ist ein atemberaubender Abend.“
taz, 10. Oktober 2012

„So kämpferisch, gefühlvoll und dadaistisch hat es die Brecht/Weill-Oper wohl noch nirgendwo gegeben.“
Deutschlandradio, 8. Oktober 2012

„Selten war Oper so nah am Zuschauer, berührte so stark. Kompliment an das Bremer Theater für den Mut zu diesem logistischen Aufwand. Dazu die hoch kompetent und musikalisch kurzweilig begleitenden Bremer Philharmoniker unter Markus Poschner, Gratulation an den auch schauspielerisch beeindruckend agierenden Chor und das exzellente Sängerensemble.“
NDR Kultur, 8. Oktober 2012

„Benedikt von Peters Ansatz ist nicht zuletzt deshalb so intelligent, weil er das ‚Wir alle sind Mahagonny‘ eben nicht als realistische Setzung versteht, sondern als Identifikationsangebot an die Zuschauer, das er als solches auch reflektiert. Deswegen sind die Live-Videos nicht nur eine Handreichung für bequeme Besucher, sie setzen dem Appell zum unmittelbaren Mitleiden am und Mitmachen beim hautnahen Geschehen die Distanzierung durch ein Medium entgegen: episches Theater als Dialektik von Empathie und Distanz“
Deutsche Bühne, Dezember 2012

„Markus Poschner macht ‚Mahagonny‘ zur Chefsache und liefert mit seinen im Swing-Orchester-Glitzerlook gewandeten Bremer Philharmonikern eine punktgenaue Interpretation von Kurt Weills Partitur ab, die auch die Jazz-Elemente und die Songs zu atmosphärisch dichter Wirkung kommen lässt. Am Ende gibt es riesigen Beifall und nicht enden wollende Bravos für alle Mitwirkenden und Macher.“
Weser Kurier, 9. Oktober 2012

„Nadja Stefanoff ist eine Leokadja Begbick der Extraklasse – ungewöhnlich jung, elegant im Auftreten, geschmeidig in der Stimmgebung. Dazu mit dieser gewissen Bösartigkeit im Ausdruck, die der Gestalt die nötige Doppelbödigkeit verleiht.“
Opernwelt, Dezember 2012

„Michael Zabanoff ist mit seinem strahlenden, heldischen Tenor eine Idealbesetzung des Jim Mahoney, der nie müde wird zu mahnen: ‚Aber etwas fehlt‘.[…] Marysol Schalit, die den „Moon of Alabama“ mit ihrem filigranen Sopran wunderbar leuchten ließ, windet sich als Hure Jenny wie ein schönes, wildes, verletztes Tier in Lulu-Manier im Schmerz um den Verlust ihrer großen Liebe.“
Die Welt, 9. Oktober 2012

Diskurs

Auch wenn der Begriff der „Stadt“ in Brechts und Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ nicht konkret, sondern als Metapher für Gesellschaft gemeint ist, haben wir uns im Verlauf des Probenprozesses dem Thema der Stadt gewidmet: Diskurspate Prof. Klaus Schäfer von der Hochschule Bremen referierte über die utopischen Hintergründe des Städtebaus. Inwieweit beeinflusst die Struktur einer Stadt das menschliche Zusammenleben?
Anbei finden Sie Auszüge aus Prof. Schäfers Text, der als Vorlage zur Diskussion dient und in vollständiger Länge unter www.stadtbaukunst.org heruntergeladen werden kann.


Für eine andere Utopie der Stadt

Stadt ist die zivilisierte Lebensform des Menschen. Sie ist sein räumliches Forum der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Sie ist künstlich, also menschlichen Ursprungs. Die Stadt ist Abbild einer physischen und geistigen Existenz des Menschen in der Welt. Sie ist eingebettet in eine Natur, die bezwungen, benannt, ausgebeutet und gehegt wird heraus aus der Stätte menschlicher Gemeinschaft, die wir heute Stadt nennen.

Stadt und Natur
Die Stadt verbraucht, was der Mensch verwertet oder/und verschwendet. Ökologisch ist der Landbau, nicht die Stadt. Schwelgen und Vergeudung sind Kultur und Missbrauch zugleich, ihm folgen im zyklischen Wechsel Sparsamkeit und Beschränkung. Diese Kompensation ist zwar immer Ziel eines technischen Fortschritts, aber sie eignet sich nicht zum Motiv einer gesellschaftlichen Entwicklung.
Das Wesen der Stadt allein als Mechanik mit hohem oder niedrigem Wirkungsgrad zu betrachten widerspricht der menschlichen Natur. Nachhaltigkeit ist das Diktum eines Funktionalismus, der zum widerholten Male die Stadt technisch zu reduzieren sucht. (…)

Form der Stadt
Die Grenze der Stadt wird zur erkennbaren Schranke des Siedelns. Innen und Außen sind hier definiert und zum Thema der Gestaltung geworden. Gartenreich und Landschaft treten an das Siedlungsfeld.
Dichte und Nähe in der Stadt sind Form und sozialer Anspruch. Anonymität erlaubt räumliche Nähe, Einblicke auf Alles und Jeden erzeugen Distanz.
Nordlicht ist so gut wie Südlicht. Ein Garten hinterm Haus ist so gut wie kein Garten hinterm Haus. Nicht alle Tage sind gleich, nur am 21. März steht die Sonne wie am 21. September.
Die Stadt gilt als wärmender Körper des Winters und als kühlender Schattenspender im grellen Lichte. Hier und da hat sich immer etwas aufgetan und das harte Pflaster der Plätze findet jederzeit sein Pendant im Stadtgrün, den prominenten oder versteckten Preziosen der Gartenkunst. So durchschreiten wir Straßen und Gassen und flanieren durch die (Stadt-)Zimmer und Leerraummonumente des Alltags und Sonntags, den Gärten und Plätzen.
Das Besondere steht dem Gewöhnlichen gegenüber. Das Monument hat seinen Ort, die Form und Funktion. Vielfach und gleichförmig ist seine Einfassung aus den Häusern und deren Reiz im Profanen, denn selten und unerwartet bleibt das Kunststück der Architektur im Alltäglichen.

Stadt und Maschine
Die Industrie ist als ein wesentlicher Bestandteil in der Stadt untergebracht. Emission ist in einer ‚kleiner werdenden Welt‘ immer auch Immission. Die technischen Möglichkeiten, dem vorzubeugen, werden genutzt und zum Maßstab einer Entwicklung; z.B. sind Flughäfen mitten in der Stadt angelegt, zur einfachen Erreichbarkeit. Der Überschall-Jet schaltet vor der Stadt seine Triebwerke auf Steuerflug zum Landeanflug und segelt so lautlos mit weit entfalteten Tragflächen in den Flughafen.
Handel und Gewerbe finden wir überall dort, wo wir es benötigen, denn wir wohnen nebenan. Der Blick auf den Hochofen ist so schön wie der auf ein Museum.

Stadt und Lärm
Die Stadt lärmt unaufhörlich. Das gilt als ein Zeichen von lebendiger Erwartung des Menschen von Zeit. Ein Tag überlagert den vergangenen durch seine Geräusche. Nachts schlummert die Stadt in säuselnder Bedächtigkeit, quietscht hier und dort ein Rad, so liegt darin schon der Kern des morgen.
Das Fußballstadium füllt die Mitte der Stadt, damit jedermann weiß wie die Punkte stehen. Die schweigende Ruhe der Landschaft ist den meisten nur das Heulen des Wolfes im Vakuum: ein schöner Schauer, nur für die Ferienzeit geeignet.

Stadt und Licht
Die Stad besteht gleich einem Kristall in der Landschaft, denn die Leistungen des Menschen werden hier gebündelt und zusammen geführt. Die vielfältig resultierenden Kräfte entspringen der Energie von Handel und Wandel, von Tätigkeit und Produktion. Ablagerung, Ausstoß und Kristallisation ist der Erfolg dieser Dynamik, die einer zusätzlichen Illumination nicht bedarf, sie leuchtet aus sich heruas, wenn sie in ihrer Betriebsamkeit auch Lichtquell ist. Leuchtkraft entsteht dort, wo gearbeitet, gelebt oder getanzt wird; ein Abglanz der Leere wirkt unredlich und wird daher unterlassen.

Stadt und Verkehr
Miteinander verkehren bedeutet den Austausch von Beziehungen, somit ist der Weg der Kommunikation zunächst der Verkehr in all seinen Erscheinungsformen. Physisch funktioniert er ungehemmt und barrierefrei über den öffentlichen Raum. Alle Verkehrsformen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Der Fußgänger ist so frei wie der Rad- und Autofahrer, alle nehmen aufeinander Rücksicht und der Stärkere gibt nach. Dem Auto ist das Vorrecht genommen, Verkehrskanäle abgeschafft, allerorten wird gelaufen und gefahren, beiläufig und in bedächtiger Geschwindigkeit. Nach Schritten durchmessen wir die Stadt und darin liegt der höchste Wert ihres Raumes. Kostbar ist die Stadt der kurzen Wege und gewohnheitsmäßig sind unsere Verrichtungen fußläufig. Kinder spielen in Seitenstraßen und Bürgersteigen. Jeder sucht sich seinen Weg und die Regelungsdichte ist möglichst gering. Parkende Autos hemmen den Raser, große Lastwagen bleiben ausgesperrt. Eng vernetzt und zu jeder Zeit erreichbar ist der öffentliche Nahverkehr. Er gilt als das allen zugängliche Gemeinschaftsgut der weiträumigen Fortbewegung.

Wem die Stadt gehört
Die Stadtpolitik ist ständig damit beschäftigt, akkumuliertes Besitztum von Boden wieder unter die Leute zu bringen, ein ewiger Kreislauf: Auf Parzellen stehen Häuser – alte oder neue oder keine. Es drängt ihre Lage nach dem Wert des öffentlichen Raumes. Lagegunst (aus dem Wert des öffentlichen Raumes) wird von denen zerstört, die sie sammeln und anstreben. Nach Pleite und Zerfall muss wieder neu geteilt werden. Ein städtebaulicher Entwurf regelt den Zuschnitt der Parzellen. Die Stadt wird beständig demokratisiert durch Teilung und Abgabe von Eigentum und Verantwortung.
Dem Gefühl für das Ganze steht die Identität der Zelle gegenüber. Die Stadt gliedert sich in überschaubare Einheiten aller Lebensformen und den Kern des Privaten erleben wir in murmelnden Höfen. (…)

Tradition der Stadt
Generationen tragen die Stadt und geben sie weiter. Geschichte muss sich nicht aufdrängen. Was Teil des Alltags ist, bedarf keiner Fingerzeige der Denkmalpflege.
Kurzlebiges gilt nicht als immobil. Das Neue steht gleichwertig neben dem Alten und strebt mit jedem Schritt eine Verbesserung an. Beständigkeit und Stabilität ist das Ziel der Entwicklung, gerade darum ist es kein Schaden, wenn Hinfälliges ersetzt wird. (…)

Städtebau und Architektur
Architektur ist wieder Städtebau und Städtebau ist wieder Architektur. Die Stadt hat eine Form und gewinnt fortgesetzt an Form. Körpergleich empfinden wir die Summe der Räume.
Häuser sind aus Stein, ihre Wände sind dick und die Räume hoch. Die Form der Häuser, Räume und Öffnungen sind anthropomorph und erweitert um die Aura des Menschen. Die Dynamik der architektonischen Form findet nach einer kreativen Gestaltsuche, ihre ausgeglichen stabile und gesetzmäßige Entsprechung. Der ‚Stein der Stadt‘ lagert den Atem von Glück und vom Leid seiner Bewohner in sich ab und erscheint dennoch so belebt und so tot wie sein augenblickliches menschliches Gegenüber.
Erzählerisch und mitteilsam ist sie, die Architektur, dort wo man sich ihr nähert auf seinem Weg durch die Stadt. Bestimmt sie den Ort aus ihrer Lage und Funktion, wird sie ihn in Würde überhöhen und Gelassenheit strahlt sie aus, wenn ihr keine besondere Aufgabe zukommt.
Aus der Ferne demonstriert sie Gravität und ihr Gleichgewicht bietet der Dynamik unserer Bewegung ein festes Gegenüber. In der Annäherung offenbart sie Grazie und Anmut in ihren Details. Und in der Berührung wird die Architektur zum Stein; stoßfest und unverrückbar. (…)

Sprache der Stadt
Intim wird sie sein in abgeschlossenen Häusern und Räumen. Ihre Einzelteile sprechen vom Behüten, offen ist nur ihr öffentlicher Raum. Türen und Tore begrenzen die Zugänge der gemeinsamen und privaten Häuser und nur der Umgang mit Riegeln und Knäufen regelt ihre Zugänglichkeit. Schön ist es, wenn die Türen offen stehen und verschlossene Türen gelten als Zeichen.
Das Verborgene ist zur ausnahmslosen Schicht des Privaten geworden, dessen Geheimnisse sich nur Einzelnen erschließen. Hierin findet der Städter den Raum, für den zunächst er die Verantwortung trägt.
Stadt wird nur dort als Stadt tituliert, wo Stadt ist und der Teil, der ihr den Namen gab ist so städtisch wie ein jeder. Vorstädte gelten als hinfällig und unkultiviert.
So, wie sich Stadt und Land fühlbar unterscheiden, so fühlbar trennt sich Privates vom Öffentlichen in der Stadt: Widerstand ist dem Raum offenbar und Intimes verborgen. Den Widerstand bewirken Grenzen aus Mauern und Wänden: Worte für Anschaulichkeit in lesbarer Bestimmung. Unsere Bewegung wird fühlbar durch Hemmung aus Reibung und Festigkeit. Enge macht uns keine Angst und Weite ist verschwenderische Ausnahme. So wie das Tor den Eintritt zum Raum gewährt, schafft erst die Enge das Erleben von Entspannung. Eine Schwelle zu überschreiten ist Geste, Wille und Symbol. Vertraut ist uns der Umgang mit Fremdem, aus der Ferne ein Reiz, in der Nähe beiläufige Neugierde.
Unsere Körpersprache und Empfindung ist dynamisches Element einer Rauminszenierung der Architektur. Was sie schafft ist Ruheraum, Harmonie, Gleichgewicht und Selbstvergewisserung in der bewegten Welt des Menschen.

Auf welche Frage, auf die Sie bisher keine Antwort haben, hätten Sie gerne eine?

Warum pocht die Stadtgesellschaft mehr auf ein Recht auf Abstand, als sich an Werten des Gemeinschaftlichen in der Stadt zu orientieren?
Prof. Klaus Schäfer, Diskurspate zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny"

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