Hauptsache Arbeit!
Schauspiel von Sibylle Berg
Dienstag 27.03.2012 / 20.00 Uhr
Neues Schauspielhaus






Inhalt
Endlich! Er ist da! Der Höhepunkt des (Arbeits-)Lebens: Der alljährliche Betriebsausflug. Also umgibt man sich mit den Menschen, mit denen man eh schon die meiste Zeit seines kleinen Lebens vergeudet – den lieben Arbeitskollegen.
Der Chef einer großen Versicherungsgesellschaft spendiert seinen lieben Angestellten einen Ausflug auf dem Vergnügungsdampfer. Doch hier geht es bei weitem nicht um die Erholung für die Angestellten, sondern um nichts weniger als ihre bloße Existenz – den eigenen Arbeitsplatz. Denn bei dieser grotesk-komischen Überfahrt muss ein jeder beweisen, dass er der Beste und Einzige für seinen Posten ist.
Endlich! Er ist da! Der Höhepunkt des (Arbeits-)Lebens: Der alljährliche Betriebsausflug. Also umgibt man sich mit den Menschen, mit denen man eh schon die meiste Zeit seines kleinen Lebens vergeudet – den lieben Arbeitskollegen.
Der Chef einer großen Versicherungsgesellschaft spendiert seinen lieben Angestellten einen Ausflug auf dem Vergnügungsdampfer. Doch hier geht es bei weitem nicht um die Erholung für die Angestellten, sondern um nichts weniger als ihre bloße Existenz – den eigenen...
Weitere Texte
Pressestimmen:[...]
„Sibylle Berg gönnt uns keine Hoffnung auf Besserung – und Sebastian Martin setzt das Geschehen in seiner dritten Bremer Regiearbeit stimmig mit gekonnten Spannungswechseln in Szene. In ausgefeilter Mimik und Gestik des elfköpfigen Ensembles entfaltet der zynisch-ironische Text eine brillante Eigendynamik, die schon nach kurzer Zeit alle Aufmerksamkeit bindet und über 110 spannungsreiche Minuten fesselt. Zudem gelingt es der Regie, Sibylle Bergs bitteren Text mit vielen sarkastischen Pointen als leichtfüßige Satire zu verabreichen. [...] So bleibt ein vergnüglicher Abend mit starken Gefühlen, der allen Angestellten dennoch zu denken geben dürfte. Stürmischer Applaus ist dem Ensemble jedenfalls sicher.“
Martin Wein, Nordwest-Zeitung
„Schauspiel-handwerklich ist der Abend beeindruckend. Und er lebt vom Wiedererkennungseffekt. Das ‚das-kenn-ich‘-Gegicker im Premierenpublikum zeigt: So überspitzt ist sie gar nicht, diese Vernissage präparierten Humankapitals. Lang anhaltender Applaus!“
Jens Fischer, die tageszeitung
[...]
„Auch die fantasievolle Ausstattung von Katja Fritzsche sorgt dafür, dass hier bei allem Angestelltenelend immer wieder auch allerlei Freude aufkommt. [...] Was wir an [...] Darstellern zu rühmen haben, ist eine überzeugende, tadellos geschlossene Ensembleleistung – man möchte aus dieser Gruppe (die ‚Ratten‘ eingeschlossen!) eigentlich niemanden hervorheben – tut es dann aber doch, indem man Irene Kleinschmidt [...] einmal mehr als ein Mirakel der Metamorphose bewundern muss.“
Rainer Mammen, WESER-KURIER
Schöne neue Arbeitswelt
Sieben am Morgen. Bellevue in Zürich, Umschlagplatz der Trams, Umsteiger aus den Vororten, auf dem Weg in Büros. Wie Kinder, in Uniformen gezwängt von hektischen Eltern, viel zu früh. Die Gesichter blass, die Uniformen kratzen, sie müssen aus einem Kinderschlafgesicht ein Erwachsenengesicht machen. Schnell. Jetzt.
Und ab in Büros, in Verkaufsräume. Nicht zu spät kommen, nur nicht. Solche Angst vor dem Zu-Spät-Kommen, dem Nicht-Genügen, dem Ausgetauscht-Werden. Von wem nur. Manche haben vielleicht noch einen Chef – lebendig. Jung, dynamisch. Ein Arschloch in jedem Fall. Oder einfach ein Vorgesetzter. Jung, dynamisch. Ein Arschloch. Ein Alphatier. Aber mit Führungsqualität. Wo ist der Führer eigentlich, der darüber befindet, dass einer mit 50 zu alt für seinen Job ist?
Solche Angst. Sie lassen sich ausbeuten, und würden es doch nie so nennen. Ich arbeite gerne, würden sie sagen, was auch sonst. Es können ja nicht alle selbstständig sein, Künstler oder Penner, einer muss ja arbeiten. Für wen eigentlich? Für Vorstandsvorsitzende, für Manager mit Millionensalären. Ein paar Milliarden Bonus für die Mitarbeiter einer Bank, die ein paar Milliarden Minus erwirtschaftet hat. Früher nannte man das Klassenkampf. Die da oben, die da unten.
Heute nennt man es einfach Angestelltenverhältnis und keiner wundert sich. Den ganzen Tag verkaufen, eine Stunde Mittagspause, aber nur nicht überziehen, nicht aus der Masse ragen, nicht auffallen, sich ducken. Nach Dienstschluss in eine Bar. Den Stress wegsaufen. Dazu eine rauchen, geht bald nicht mehr. Dann wenigstens einen Joint – der ist verboten. Klar, daran verdient der Staat auch nichts, es macht keinen Kater, nicht aggressiv, nicht blöd genug. Trinken sollt ihr.
Trinken Freunde, um zu vergessen, was da passiert mit euch und eurem Leben, nicht hier in der Stadt, das ist zu teuer, da sind die Spekulanten vor. Wartelisten für die neuen 20-Tausend-Fränkigen Mietwohnungen am Bellevue in Zürich. Nicht für dich, ab in die Tram, den Zug und in der Dunkelheit heim, schnell einkaufen, sich von schlechtbezahltem Kassenpersonal schlecht behandeln lassen, von schlechtgelaunten Kondukteuren kontrollieren lassen, essen, fernsehen, schlafen, morgen von vorne, da geht alles wieder los.
Aber gerne. Freiwillig, und wenn wir uns alle gut versklaven lassen, gibt es eine Belohnung: Wir dürfen konsumieren. Hurra. Zeug kaufen, gegen den Frust an, gegen das Gefühl von Sinnlosigkeit an. Wir lesen in den Zeitungen vom Leben der Manager. Mit was sind sie reich geworden. Mit denen, die ihr Leben verkauft haben, und gefeuert werden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Vielleicht mit einer goldenen Abschiedsuhr. Auf die Idee, dass da irgendwas nicht stimmt, kommt kaum einer. Auf die Idee zu demonstrieren, keiner. Auf die Idee, sich nach einem Stück Kommunismus zurück zu sehnen, und dieses verdammte System, das uns alle so glücklich macht und mit guten Zähnen ausstattet, zu bekämpfen, kommen doch nur Chaoten. Am 1. Mai. Mit denen haben wir nichts zu tun. Wir müssen arbeiten. Gerne.
Von Sibylle Berg
cherungsgesellschaft auf einem Vergnügungsdampfer wird bei dem jüngsten Stück »Hauptsache Arbeit!« von Sibylle Berg zu einem skurrilen Selbsterkenntnis- und Bekenntnistrip für die Mitarbeiter. Denn hier muss ein jeder um seinen Arbeitsplatz und dessen Erhalt kämpfen. Mit allen Mitteln. Jeder der Mitfahrenden kann schlimmstenfalls seinen Job verlieren. Oder sein Leben. Denn Stellen müssen nun einmal abgebaut werden. Einsparen. Besser werden. Optimieren. Synergien bilden. Die Konkurrenz ausschalten.
In technisierten Zeiten, in denen nicht Arbeitskraft, sondern die Arbeit selbst rar wird, müssen andere Mittel eingesetzt werden als bisher. Unser bloßes leibliches Vorhandensein legitimiert uns noch lange nicht zum Dasein in dieser Welt.
Der Kampf um die eigene Existenz beginnt. In fiesen Spielchen, von einer als Motivationstrainer verkleideten Ratte angeleitet, wird das sonst nur bildlich gemeinte Gefecht um den Arbeitsplatz eines um Leben und Tod. Hier soll am Ende jeder wissen, ob er seinen Platz in der Gesellschaft tatsächlich verdient oder ob ein anderer Mitstreiter einfach besser und damit überlebensfähiger ist.
Dass Sibylle Berg ihre sozialgrotesken Kons-tellationen nicht nur als Metapher, also im übertragenden Sinne, meint, macht ihre Stücke so besonders. Ihre Geschöpfe müssen tatsächlich um ihr Leben bangen. Hier werden vermeintlich abgegriffene Themen neu und schräg beleuchtet, mit einer gehörigen Portion Tragikomik zu einer neuen Wahrheit erkoren.
Letztlich haben die Menschen ihre Chance auf das Leben vertan. Unsere Spezies ist an ihrem Ende angekommen. Die Menschen müssen weg, denn es gibt eh zu viele von ihnen. Die Tiere werden folglich die Herrschaft übernehmen.
Sibylle Berg versteht die ganze Aufregung um das bisschen Leben sowieso nicht: »Es ist ja auch alles ein bisschen traurig, lustig und doof, und wir sterben bald. Es hat alles etwas erbärmlich Niedliches, wenn man sich die ganzen Bemühungen anschaut, die alle für'n Arsch sind.«
Was auf den ersten Blick wie eine oberflächliche Gesellschaftskritik mit dem Vorschlaghammer daherkommt, ist auf den zweiten das genaue Gegenteil. Die »schwarzgallige Diagnose des Niedergangs und der Vergeblichkeit« sei eigentlich nur die Kehrseite der Sehnsucht nach dem Schönen und dem Guten, urteilt die ZEIT-Autorin Kristina Maidt-Zinke über Bergs Werke.
Wir haben es hier zwar mit einer Zynikerin zu tun, doch ganz aufgegeben scheint sie uns alle noch nicht zu haben. Auf die Frage »Desillusionieren Sie gerne?« antwortete Frau Berg in einem Interview der Frankfurter Rundschau kurz und knapp: »Nein, ich gebe Hoffnung.«
Von Diana Insel
Pressestimmen:
„Sibylle Berg gönnt uns keine Hoffnung auf Besserung – und Sebastian Martin setzt das Geschehen in seiner dritten Bremer Regiearbeit stimmig mit gekonnten Spannungswechseln in Szene. In ausgefeilter Mimik und Gestik des elfköpfigen Ensembles entfaltet der zynisch-ironische Text...
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