THEATERBREMEN

Kleines Haus

„Funny, how?"

Ein Stück von Samir Akika / Unusual Symptoms

„Do be do be do.“ (Frank Sinatra) ­— Samir Akika galt lange als das enfant terrible unter den jungen Wilden des deutschen Tanztheaters, dessen zwischen Tanz, Kino, Theater und Subkultur entstehenden Arbeiten stets vor allem eines verband: aus dem Korsett gewohnter Genregrenzen auszubrechen. In seiner ersten Produktion für das Theater Bremen setzen der neue Hauschoreograf und seine Kompanie Unusual Symptoms ihren Weg durch die Freuden eines Lebens im Randgebiet künstlerischer wie gesellschaftlicher Konventionen fort. In Funny, How? treffen die bombastischen Versprechungen einer zunehmend hysterischen Gegenwartskultur auf eine Ästhetik des Do-it-yourself, die nach der slapstickartigen Identität in uns allen fragt und unserer eher clownartigen Natur auf den Grund geht. Hallo, Bremen!

In Koproduktion mit dem Theater im Pumpenhaus Münster und dem tanzhaus nrw Düsseldorf.

Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Termine / Karten

Besetzung

Fotos

Pressestimmen

„Wenn Akikas Compagnie gesellschaftlich akzeptierte Spaßformate zitiert, ist das ein durchaus ambivalentes Spiel mit Affirmation und Ablehung, Verführbarkeit und Verweigerung.“
Jens Fischer, Die Deutsche Bühne, 7. 12.12

„Schrill, bunt, laut, lustig wird vieles ausprobiert, vor allem die sich erstmals der Compagnie bietenden Möglichkeiten des Stadttheaters – was Ausstattung und Bühnentechnik betrifft. Mit einem „Go smile!“-Apell schickt das Ensemble das Publikum schließlich zurück in das „nicht so spektakuläre Leben“. Ausgelassenes Tanztheater als Party: Das haben Akikas Shows immer vermittelt, dort macht er in Bremen weiter[…]“
Jens Fischer, Die Deutsche Bühne, 7. 12.12

„Was gut war an Akikas bisherigen Arbeiten, ist geblieben. Und auch wenn die knapp zwei Stunden durchaus mit einer fast punkigen Unbekümmerheit daherkommen, ist das nicht nur eminent unterhaltsam, sondern irritiert mit subversiver List, die mehr zu erzählen weiß als autobiographische Episoden.“
Andreas Schnell, Kreiszeitung, 8.12.12

„Der schnelle Takt, das oft hohe Tempo der Szenen, die sich bisweilen auch noch überlagern, ist dabei so kompakt, dass sich manche Frage erst im Nachhall dieser funkensprühenden Aufführung verdichtet. [...] Man möchte glatt noch einmal hinsehen, um es genauer zu erkennen.“
Andreas Schnell, Kreiszeitung, 8.12.12

„‘Funny, how?‘ ist Zirkus, Zauberkunst und zarte Selbstironie.“
Sabine Komme, dapd, 7.12.12

„[Es geht] jetzt nicht mehr um das Verhältnis zur eigenen Mutter oder um die Midlife-Crisis, das Erwachsenwerden. Sondern um die Frage, was komisch ist. Und warum. Das aber auf wunderbar tiefgründige und komische Weise.“
Jan Zier, taz, 11.12.12

„Der Tanz ist eine Wucht: Das Ensemble fliegt förmlich über die Bühne; Frauen springen ihren Partnern auf den Rücken, Tänzer drehen sich horizontal um die eigene Achse, rollen über den Boden, jagen weiter. Ein Schlagzeuger gibt den Takt an. Laut und bestechend ist die Musik von Stefan Kirchhoff und Roberto Zuniga für diese chaotisch anmutende, vor Energie strotzende Choreografie.“
Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten, 21.01.13

Diskurs

ENDLICH ANKOMMEN
von Gregor Runge

Am Anfang stand die Frage nach dem „How?“. Wie beginnen und womit, wie zusammenfinden und worüber, an einem Ort, der als neue künstlerische Heimat auf den ersten Blick so anders ist als jene Orte, die im Patchwork der eigenen Arbeitszusammenhänge bislang stets als Konstanten auftauchten. Wie sich einen Spielraum schaffen, der sich den Notwendigkeiten dieser neuen Produktionsstruktur anpasst und gleichermaßen den Glücksfall, den sie auf vielerlei Art und Weise darstellt, begreift und in einen künstlerischen Entwicklungsprozess überführt? Beziehungsweise und konkret: in was für einen Abend ließe sich das übersetzen und was wäre ein guter Beginn für ein langfristiges Engagement im Stadttheater, am Theater Bremen, wie es für Samir Akika und seine Kompanie Unusual Symptoms mit dieser Produktion nach jahrelanger Sozialisation in der Freien Szene nun beginnt?

Der Rückgriff auf das persönliche, autobiografische Erleben hat Akikas Arbeit in den letzten Jahren maßgeblich bestimmt. In Arbeiten wie „Extended Teenage Era" hat er das Ringen mit den Realitäten des zusammenhangslosen Lebens und die Ästhetik des spätmodernen Do-it-yourself-Versprechens in den Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens gerückt, auch als Folge einer immer schon sehr familiär erscheinenden Arbeitsbeziehung zu seinen Protagonisten. In „Me&myMum", seiner Arbeit über das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern, hat er diesen zwischenmenschlichen Beziehungen schließlich in einer Direktheit Ausdruck verliehen, die sein Tanztheater stark in Richtung des Theatralen verschoben und Akikas Form des Sprechens vom eigenen Leben damit gleichzeitig ein Stück weit auserzählt hat. Es ist kein Zufall, dass er gerade diese beiden Arbeiten nach Bremen mitgebracht hat, als Anfang und Endpunkt einer vorläufigen Entwicklung, die ihn in den letzten Jahren aus einer frühzeitigen künstlerischen Krise hinausgeführt hat. Doch die Frage nach dem „How?“ stellt sich auch als Frage nach der künstlerischen Neuerfindung. Was kann man noch probieren, und vor allem: wie?

Der italo-amerikanische Rennfahrer Mario Andretti hat es wie folgt formuliert: „If everything seems under control, you're just not going fast enough.“ „Funny, how?“ ist eine Arbeit aus dem beschleunigten Leben, ein Stück über das Spaß haben, das unter dem Vorzeichen steht, dass Spaß immer etwas mit einem Ausbruch aus regulierten Lebenszusammenhängen, mit einer Überschreitung des Gewohnten zu tun hat. Das ist die globale Frage dieses Stücks: nach dem guten Leben in Zeiten des kontrollierten Vergnügens der hyperaktiven Entertainmentgesellschaft. Auf einer anderen, ganz einfachen Ebene ist „Funny, how?“ aber auch schlicht ein konkreter gemeinsamer Nenner für den Beginn einer neuen Arbeitserfahrung: Samir Akikas Wunsch an diese Produktion ist, dass sie sich freischwimmt von bestimmten Zuschreibungen und Darstellungsweisen, die seine Arbeit zuletzt geprägt haben. Dass sie Publikum wie Ensemble gleichermaßen Spaß macht, als Gegenwelt zu der durchgetakteten Welt der Effizienz, die alles und alle durchdringt. Und dass sie eben gleichzeitig einen Ausbruch aus den eigenen Gewohnheiten markiert, neue Ansatzpunkte liefert für kommende künstlerische Auseinandersetzungen. Eine Lektion vom Loslassen also, eine Anleitung zum Sich-Verlieren vielleicht.

In der ironisch-komischen Bezugnahme auf die alltäglichen Grausamkeiten und Clownerien, die „Funny, how?“ heranzieht, sind die autobiografischen Versatzstücke, wie sie in Me&myMum noch überdeutlich zum Tragen kamen, eher als Zitat erfahrbar, als Anlass und Anknüpfungspunkt, nicht aber als letzte künstlerische Konsequenz. Der Tanz kommt wieder stärker zum Tragen, auch als Folge davon, dass die Arbeit ein Stück weit als Geschenk an das neue Tanzensemble funktioniert. Gerade in ihrer Fragmentiertheit haben Samir Akikas Arbeiten stets vor allem an den Schnittstellen funktioniert, in dieser nie ganz klar benennbaren und doch so deutlich spürbaren Freiheit, die seinen Performern offenbar zu eigen war und die Produktionen weniger als ultimative Festlegungen, denn als offene Strukturen erfahrbar machte. Diese Qualität bewahrt auch „Funny, how?“ in seiner Vielzahl an szenischen Versuchsanordnungen und weist doch gleichzeitig eine Stringenz auf, wie sie dann doch ein bisschen neu ist für die Arbeit von Akika und Unusual Symptoms.

In der für das Theater Bremen neu bearbeiteten Fassung von „Me&myMum" sagt der Sänger Pablo Bottinelli ganz am Ende einen letzten Satz: „Ich schreibe ganz klein an die Säulen des Theaters, mit einem Bleistift: Endlich ankommen.“ Mit „Funny, how?“ scheint sich der Wunsch nach einem gemeinsamen Anfang unter neuen Vorzeichen für Samir Akika und seine Truppe einzulösen, ohne dass die Grundidee der stets und immer noch an den Randgebieten künstlerischer wie gesellschaftlicher Konventionen interessierten Arbeit darüber verschwindet. Eine andere Rennfahrerweisheit lautet: wer bremst, verliert. Ankommen, aber nicht stehen bleiben, das wäre ein weiterer Wunsch. Klingt machbar.

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