THEATERBREMEN

Theater Bremen

Spielzeit-Schwerpunkt in transit?

über Migration und Flucht

In der Spielzeit 2014/15 widmet sich das Theater Bremen verstärkt den Themen Migration und Flucht. Ausgehend von Mirko Borschts Inszenierung von Elfriede Jelineks Flüchtlingsdrama „Die Schutzbefohlenen“ sowie von „Othello“, „Belleville“, „Medea“, „Through Their Eyes“, „Abzählen“ u.a., die sich mit dem erweiterten Kontext von Migration und Flucht beschäftigen, werden im Rahmen von „in transit?“ Vorträge, Workshops, Diskussionen, Konzerte und andere Veranstaltungen angeboten. Damit soll der öffentlichen Debatte zur Situation von Migrant/innen und Geflüchteten in Bremen ein Raum der Wissenserweiterung am Theater auch jenseits des Bühnengeschehens hinzugefügt werden und sich der Frage widmen, ob Menschen, die hier in Deutschland täglich ankommen, sich nur auf der Durchreise bei uns befinden und bald schon wieder in ihre vermisste Heimat zurückkehren können oder ob sie nicht längst unverbrüchlich zu uns gehören und nur wir es noch nicht gemerkt haben. „in transit?“ ist ein Versuch, auf die in Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ formulierte Forderung zu antworten: „Bitte bemühen Sie sich ein wenig, zu erfahren, was Sie niemals wissen können, bitte.“

Im Zentrum von „in transit?“ steht die monatlich stattfindende Podiumsdiskussion „Flucht im Fokus“. Außerdem nähern wir uns mit Publikumsgesprächen, Konzerten, Filmvorführungen und anderen Veranstaltungen den komplexen Wirklichkeiten von Flucht und Migration.

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Diskurs

Novemberheft: in transit

Während Faust in einer Welt, die keine Grenzen kennt, mit einem Zaubermantel überall hinreisen kann, sind die Stimmen in Elfriede Jelineks „Schutzbefohlenen“ von unüberwindbaren Grenzzäune umgeben; während der Schwarze Othello in einer ihm feindlichen Welt zu Rang und Namen kommt, wird in Händels „Oreste“ jeder neu ankommende Fremde wegen seines Andersseins getötet; während Samir Akika für sein neues Stück „Belleville“ Tänzer aus fünf Kontinenten einlädt, ihre nationalen Bewegungssprachen in einen Dialog zu bringen, verzweifeln die Geflüchteten aus Jelineks Stück an einer Sprache, die sie weder kennen noch können; während Medea als Immigrantin nur überleben kann solange die Einheimischen ihr wohlwollend begegnen, beschreibt „Ich rufe meine Brüder“ einen schwedischen Studenten, der sein Leben lang dachte, er wäre in Stockholm zu Hause, bis seine arabischen Wurzeln ihn unerwartet einholen; und während das am Goetheplatz gelegene Theater all diese Stück spielt und mit seinem Publikum dem Alltag nachgeht, warten ein paar Straßen weiter die ohnmächtigsten Kosmopoliten der Gegenwart in Flüchtlingsheimen auf eine Veränderung ihrer Lage. 

Die Überlagerung dieser Geschichten und Ereignisse, die die widersprüchlichen Ausprägungen unserer global mobilisierten Welt spiegeln, ergeben am Theater Bremen einen thematischen Schwerpunkt, der den Titel „in transit?“ trägt und die Spielzeit begleitet. In Transit sind sowohl die heimlich über verbotene Ländergrenzen Fliehenden, die ihrer Hoffnung „Europa“ entgegensehen, als auch die in der Luft um den Globus reisenden Eliten, ebenso wie Transit die weltweite Verschiebung von Waren und mehr und mehr auch von Menschen beschreibt, denen ihre Heimat abhanden gekommen ist.
Dieser Spielplan-Schwerpunkt ist ein Versuch, auf die in Jelineks „Schutzbefohlenen“ formulierte Bitte zu antworten: „Bitte bemühen Sie sich ein wenig, zu erfahren, was Sie niemals wissen können, bitte.“ 
 



Dezemberheft: Grenzen auf?!

Nirgends ist das Auseinanderklaffen von moralischem Anspruch und Lebensrealität so groß wie in der europäischen Flüchtlingspolitik, nirgends sind die Widersprüche so augenscheinlich: Noch bis vergangenen August hat die italienische Marine mit der Operation „mare nostrum“ versucht, möglichst viele der über das Mittelmeer von Nordafrika nach Europa kommenden Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu bewahren, um ihnen in Europa eine andere Perspektive als den Tod zu bieten. Mitte Oktober 2014 andererseits wurde die europäisch konzertierte Polizeiaktion „mos maiorum“ (lateinisch für „Sitte unserer Vorfahren“) durchgeführt, bei der europaweit über 20.000 Polizisten zwei Wochen lang Großfahndung auf illegale Einwanderer machten. Zwei Operationen, zwei politische Haltungen, ein Kontinent.
Dieser Kontinent ist sich nicht einig, ob die um Einlass Bittenden Gäste sind oder Fremde, ob man ihnen helfen sollte oder sich doch eher selbst vor ihnen schützen müsste. Und nicht nur der Kontinent zögert, sondern jedes Land, jede Stadt, ja jedes Viertel ringt mühsam um die Antworten, die es auf die sichtbare Not der hier Angekommenen zu geben in der Lage ist. Und doch ist kaum etwas dringender als die richtige Antwort. Wie der parteiübergreifende britische Think Tank Demos in seiner Studie „People Flow“ schreibt: „Der Strom der Menschen wird anwachsen. Und in einer Welt, in der Informationen, Waren, Geld und Kulturgüter mobiler werden als je zuvor, wird es immer schwieriger, die Bewegung von Menschen und Arbeit gezielt zu steuern.“ Die Antwort von Demos auf diese Feststellung ist kompliziert, verkürzend aber könnte man sie mit „Grenzen auf!“ resümieren. Die Grenzen zu öffnen ist nicht einfach eine absurde linksutopische Forderung, auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums gibt es Stimmen, die die restriktive Migrationspolitik als eine Behinderung des Arbeitsmarktes betrachten und im Interesse des globalen Wettbewerbs eine liberalere Einwanderungspolitik fordern. So bringt dieses komplizierte Thema bei kontrastierenden Weltsichten ähnliche Antworten hervor, allerdings ohne dass eine Lösung in Aussicht stünde. Nur eines scheint allen klar zu sein: Weiter so geht es nicht.


Januarheft: Exodus

Braindrain oder Grenzen auf? Stacheldraht oder Hilfe bei der Überfahrt? Einreiseverweigerung oder Wohnungsvermittlung? – Was ist der richtige Umgang mit denjenigen, die nach Europa kommen, um ein neues Leben zu beginnen? Der verbitterte Streit um die richtige Strategie einer zukunftsfähigen Migrationspolitik beruht nicht auf Auseinandersetzungen um widersprüchliche Tatsachen, sondern auf fundamental verschiedenen Haltungen zu Recht und Unrecht, zu der moralischen Grundsatzfrage, was richtig und was falsch ist. Subjektive Werte und Erfahrungen sind die Grundlage, auf der jeder seine persönliche Antwort auf die Frage gibt, wie der wachsenden Migration nach Europa zu begegnen sei. „Unsere moralische Einstellung bestimmt, welche Argumente und Beweise wir zu akzeptieren bereit sind“, befindet der britische Ökonom Paul Collier in seinem jüngst auf deutsch erschienenen Buch „Exodus“, in dem er nicht nur nach einer überlegten und praktikablen Einwanderungspolitik sucht, sondern auch die sozialen Folgen beschreibt, die sowohl die Herkunfts- als auch die Einreiseländer durch die starke Bevölkerungsverschiebung schultern müssen.
Bevor es möglich ist, die vorgeschlagenen Lösungen in Betracht zu ziehen, gilt es, sich der eigenen Denkbeschränkung bewusst zu werden. Um sie zu überwinden: „Wir schenken dem winzigsten Strohhalm im Wind Glauben, wenn er unsere Werte bestätigt, während wir Beweise(!), die für das Gegenteil sprechen, mit Verachtung und Geringschätzung strafen. Was die Migration betrifft, so sind die ethischen Vorlieben polarisiert, und jedes Lager neigt dazu, nur jene Argumente und Fakten anzuerkennen, die sein Vorurteil untermauern.“


Februarheft: Kants neue Kleider

Um nicht den Überblick zu verlieren, gibt es Methoden der Kategorisierung. Von der kantschen Kategorientafel, die nichts will, als die Ordnung des Denkens zu erklären, über die spezifischen Ressorts von Zeitungen bis hin zu ausgefeilten Systemen, individuelle Ernährungsvorlieben zu benennen, suchen wir nach Hilfsmitteln, eine unüberblickbare Welt in unterscheidbare Bereiche zu unterteilen. Dabei trennen wir sorgfältig das eine vom anderen, die Politik von der Freizeit, das Schlafzimmer von der Küche, das eine Land vom anderen. Wir trennen die Dinge, um ihrer Herr zu werden. Die Aufhebung der Trennungen verunsichert, denn auch wenn die Horizonterweiterung, die mit der Aufhebung von Grenzen möglicher Weise einhergeht, willkommen sein mag, so schafft das Vermischen von vorher Getrenntem trotzdem Irritation. Der zypriotische Modemacher und Künstler Hussein Chalayan arbeitet seit mehr als einem Jahrzehnt an dieser Vermischung von Getrennten. Er verweigert sich der Abschottung der hermetischen Modewelt von anderen Lebensbereichen, indem er seine Kleider zu Wunderwerken der Mechanik macht oder Filme dreht, die als politisches Statement genauso wirken wie als ästhetisches Werk. Und so beschränkt er sich nicht darauf, Kleider zu entwerfen, die dem Jetsetter sein mobiles Leben zwischen Bahnhof, Taxi und Check-in erleichtern, sondern führt auch in den exklusivsten und unausgesprochen reglementiertesten Bereich unserer Lebenswelt, die Modebranche, die absolut gegensätzliche Wirklichkeit von Menschen auf der Flucht ein. Mit Kleidern, die sich auf Knopfdruck in ein Zelt und somit in einen Schlafplatz verwandeln, oder mit Tischen, an denen man Essen kann, bevor sie im Handumdrehen zu Kleidern werden, gibt er Flüchtenden ein Recht auf eine ästhetische Weltbetrachtung. Genau wie Daniel Kerber von dem Hamburger Unternehmen morethanshelters, das sich nicht nur Gedanken über die praktikable Behausung von Geflüchteten macht, sondern auch darüber, in welchem Umfeld Menschen sich wohl fühlen und welche ästhetischen Voraussetzungen ein Zuhause auf der Flucht bieten muss, akzeptiert Chalayan die Grenzen nicht, die unsere Lebensbereiche umgeben. Er bricht sie auf, ignoriert sie, gestaltet sie. Und gibt Flüchtenden die Hoheit über die Gestaltung der eigenen Lebenswelt zurück.


Märzheft: Antigone und ihre Schwestern

Flucht ist anstrengend, entbehrungsreich, gefährlich. Eine Frau kann das ebenso gut oder ebenso schlecht ertragen wie ein Mann. Allerdings erzählen die Geschichten von gezielten Angriffen gegen flüchtende Frauen von einem zusätzlichen Risiko, das eine Frau auf der Flucht eingeht, wenn sie ein Leben woanders sucht. Kaum eine Frau bleibt verschont von Übergriffen, viele werden vergewaltigt, alle berichten von brutalen sexuellen Attacken. Meist endet die Flucht einer Frau in einem Nachbarland, von dem aus sie bald wieder in ihre Heimat zurückzukehren hofft und in dem sie dann aber Jahr um Jahr im Lager auf Veränderung wartet. Es gibt wenig Beschäftigung in diesen Lagern, weder für Männer noch für Frauen. Aber während Männer eingebunden sind in das soziale Leben der Lagergemeinschaft, bleiben Frauen häufig in stickigen Zelten umgeben von Kindern, die nicht hören und nichts wissen wollen von den Geschichten ihrer Mütter, Tanten, Schwestern. Bis dann unversehens Jahrzehnte vergangen sind und das Lager zum ungeliebten Zuhause geworden ist, in dem Kinder zu Brautleuten geworden sind und Alte ihr Grab gefunden haben.


Aprilheft: Wo geht es lang?

„Was ist eigentlich los in Deutschland. Eine der reichsten Nationen der Welt ist nicht in der Lage, sich vernünftig um ein paar hunderttausend Flüchtlinge zu kümmern?“ Oder: „Fällt der Politik wirklich nicht mehr ein, als die Überwachung der Außengrenzen zu stärken und Menschen abzuschieben?“ Oder: „Wie kann es möglich sein, dass die Plätze in Deutschkursen derart knapp sind, obwohl wir alle wissen, dass der Spracherwerb der erste und wichtigste Schritt zur Integration ist.“ Aber auch: „Im Privaten klappt das doch schon sehr gut. Menschen nehmen Geflohene bei sich Zuhause auf, engagieren sich als Ehrenamtliche in Übergangswohnheimen, begleiten Flüchtlinge bei Behördengängen oder geben Deutschunterricht. – So einige Statements von ZuschauerInnen der seit November stattfindenden in transit?-Veranstaltungen. Es ist bemerkenswert, wie offen viele BremerInnen Asylsuchenden gegenüberstehen und sich dafür engagierten, dass Geflohene grundsätzlich als Chance und nicht als Bedrohung gesehen werden. Und sie alle betonen, wie sehr sie als Einheimische von diesen Begegnungen profitieren und wie viel sie dabei über sich selbst und ihre Herkunft erfahren haben.