THEATERBREMEN

Kleines Haus

The Pin

von Samir Akika / Unusual Symptoms

„Sicher liegt darin die Ursache der Schwierigkeit des Malens in unserer Zeit: dass es das Geheimnis der Wirklichkeit nur erfassen kann, wenn der Maler nicht weiß, wie er es tut.“ (Francis Bacon) –– Meisterschaft und Können sind nicht zwangsläufig als die selbe Sache zu beschreiben. Wir sind getrieben von der Idee, die Dinge besser zu machen, aber wie fühlt sich eigentlich ein Leben an, in dem es überwiegend gelöste Probleme, aber nicht mehr all zu viele Fragen gibt? In ihrer neuen Produktion The Pin nehmen Samir Akika und seine Kompanie Vorstellungen von Meisterschaft und Können in den Blick und stellen Fragen nach der Spannung zwischen dem Individuum und dem, wonach es strebt. Muss man für jeden Gewinn den Verlust von etwas Anderem hinnehmen? Stimmt es, dass ein Gipfel gerade groß genug für eine einzige Person ist? Zwischen choreografierten Zuständen der Vereinzelung und kollektiven Momenten des Loslassens entfalten Akika und Unusual Symptoms eine Landschaft des Getriebenseins.

Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, keine Pause

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Besetzung

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Pressestimmen

„Immer, wenn sie zu deutlich, immer wenn eine Handlung zu greifbar wird – dann lässt Akika es los, sodass The Pin den unerhört luftigen Eindruck eines Traums hinterlässt, der schön ist und schrecklich, belanglos und bedeutsam zugleich. Und absolut sehenswert.“
Benno Schirrmeister, taz, 13. November 2013

„Samir Akika erzählt mit seinem Ensemble keine Geschichte, sondern erschafft Bilder, die mal deutlich, mal abstrakt mit dem Thema umgehen. Vor allem den Kampf immer weiter zu machen, auch wenn man am Boden liegt, wird auf erdrückende, phasenweise unfreiwillig komische Art dargestellt. Ein Stück, über das man auch noch nach der Aufführung diskutiert.“
Markus Noldes, Weser Report, 10. November 2013

„Die Kunst ist groß, der Mensch ist klein. (…) Nur ein perfektes Leben könne auch die perfekte Kunst krönen, so lautet das Urteil, das unausgesprochen den Raum durchwabert. Vor allem aber ist das Leben, so wie es hier in vielen quirligen Bewegungsbildern gezeigt wird, ein großes unübersichtliches Experimentierfeld; voll von simultanem Tumult, durchkreuzt von Momenten der Schönheit. Ein Bedürfnis nach Anlehnung und Halt ist zu sehen, aber auch ein nervöses Gefühl des Getriebenseins.“
Sven Garbade, Weser Kurier, 9. November 2013

„Das eigentliche Thema dieses Abends ist jenes Ringen um die Idee von ‚Meisterschaft‘: das Streben nach Vollkommenheit und die Gnade der Inspiration.“
Johannes Bruggaier, Kreiszeitung, 9. November 2013

„Mit ‚The Pin‘ liefert Samir Akika substanzielle Anregungen zur Reflexion über Kunst und Kreativität.“
Johannes Bruggaier, Kreiszeitung, 9. November 2013

„Das Streben nach tollstem Erfolg und größtem Gelingen – ist ein sportliches. Also zeigt das Ensemble Kraft-, Ausdauer-, Tanztraining, Gymnastik- und Kampfsportübungen, Parcour-Kühnheiten, militärisches Herumrobben, Balgereien, Ballspielpantomimen. (…) Dem assoziativen Bilderreigen ständigen Aufbäumens und Zusammensinkens folgen Tänzer, die ihre Ikonen, körpersprachliche Mythen des modernen Tanztheaters, zitieren (…). Ja, der Abend ist durchaus als Appell zu verstehen: Mach dein Ding.“
Jens Fischer, Die Deutsche Bühne online, 8. November 2013

„Gefeiert wird das Ende des mürrischen Unwohlseins an der zwanghaften Leidenschaft zur Perfektion – und des Unwillens, weiterzumachen wie bisher.“
Jens Fischer, Die Deutsche Bühne online, 8. November 2013

Radio Bremen:
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Diskurs

Wie eine Fußnote zu einem Text, der nicht da ist
von Gregor Runge

In den Gesprächen, die der britische Maler Francis Bacon über mehrere Jahrzehnte mit dem Kunsthistoriker David Sylvester geführt hat, konstatiert er, dass „die Ursache der Schwierigkeit des Malens in unserer Zeit“ seines Erachtens nach darin liege, dass es das „Geheimnis der Wirklichkeit“ nur erfassen könne, wenn der Maler nicht wisse, wie er es tut. Etwas ähnliches ließe sich sicherlich für alle Kunst und ganz besonders auch für das Theater formulieren, dem das gemeinsame Suchen und Probieren, das nicht-wissende Hineintasten in einen Gegenstand geradezu bestimmend eingeschrieben ist. Jede Kunst interessiert sich letztlich für Fragen nach Welterschließung und Wirklichkeitsbeschreibung, ganz gleich, wie abstrakt oder konkret diese schließlich auf eine konsensfähige Abbildung von Welt Bezug nimmt. Dies ist – wenn man so will – das Primat ihrer Erfahrung, und das Nicht-Wissen – die Lücke – ist die Voraussetzung dafür, eine Erfahrung überhaupt erst machen zu können.

Für Francis Bacon hat sich eine solche Lücke für die moderne Malerei mit der technischen Entwicklung von Film und Fotografie unweigerlich geschlossen. Seiner reinen Abbildungsfunktion dadurch zunächst enthoben, erscheint ihm das Malen zunehmend als ein auf sich selbst zurückgeworfenes Spiel, in das der Künstler sich vertiefen und seine ganz eigenen Gründe finden muss, mit denen er seinen Antrieb legitimiert. Bacon selbst ist es darum gegangen, an der Schnittstelle von Figuration und Abstraktion Bilder zu schaffen, die ihren Gegenstand auf eine Weise darstellen, die „schärfer und durchdringender auf das Nervensystem einwirkt“, als die fotorealistische Abbildung in der Lage wäre. Der Zufall ist ihm dabei ein entscheidender Faktor, oft beschreibt er, wie er in einem Moment hoffnungsloser Ratlosigkeit schlicht Farbe auf die Leinwand schleudert, um den Arbeitsprozess wieder anzuschieben, das Bild gleichsam aus sich selbst heraus entstehen zu lassen. Dies ist, was er meint, wenn er vom Nicht-Wissen des Malens spricht: das Irrationale wird zum entscheidenden Faktor, die Zufälligkeiten und das Unvorhergesehene, dem gegenüber sich der Künstler offen zeigen, das er im Zweifel sogar suchen muss. Und dann ist es sein kritisches Gespür, das an die Stelle rein handwerklicher Perfektion und eines künstlerischen Masterplans tritt, mit dem das Bild sich schließlich vollenden lässt. Darin liegt die Schwierigkeit: die eigene Gestaltungshoheit zugunsten einer Reihe irrationaler Anwandlungen aufzugeben, loszulassen von einem allzu direkten Lenkungswillen, sich ganz der Gegenwart des eigenen Tuns überlassen.

Bacon befragt damit gängige Vorstellungen von Meisterschaft und Können, die wiederum Ausgangspunkt sind für „The Pin“, die nunmehr dritte Arbeit von Samir Akika am Theater Bremen. Eine Arbeit, die – das sei vorweg gesagt – nahtlos anknüpft an die künstlerische Wandlung, die Akika und seine Kompanie Unusual Symptoms hier durchlaufen. Es ist durchaus bemerkenswert, in welcher Kürze die Truppe ihre eigenen, gewohnten Arbeitsweisen und mit ihnen den Charakter ihrer Produktionen seit der vergangenen, ihrer ersten Spielzeit an diesem Haus, hinterfragt und neu definiert hat. Das Autobiografische, das Akikas Arbeiten in den vergangenen Jahren als letzter erzählerischer Grund geprägt hat, ist einem deutlich sichtbaren Anspruch gewichen, die Arbeiten universeller lesbar zu machen. In der Weiterentwicklung der hier mit seiner ersten Produktion „Funny, how?“ erprobten Ansätze und gleichsam im Rückgriff auf seine Anfänge als ein das Tanztheater mit dem Film in ein produktives Zusammenspiel verwickelnder Choreograf war „Penguins & Pandas“, Akikas zweites Stück der vergangenen Spielzeit, schließlich ein rein audiovisuelles, gänzlich auf gesprochenen Text verzichtendes Stück Bildertheater, das sich so konsequent wie vielleicht nie zuvor bei ihm auf den Tanz als erzählerisches Mittel verließ. Und so ist nun „The Pin“ in Fortführung all dessen eine Arbeit, die weniger über einen Gedanken, als vielmehr mit ihm spricht. Keine Geschichte, mehr eine Landschaft oder ein Zustand, den der Abend erfahrbar machen möchte. Wie eine Fußnote zu einem Text, der nicht da ist.

Als Pin bezeichnet man die Zielmarkierung beim Golf, die über dem Loch wehende Fahne, die sich – poetisch gesprochen – als Objekt der Begierde nicht interessiert für den Menschen, der ihr hinterherjagt. Von der Auseinandersetzung mit diesem Menschen aber geht dieser Abend aus. Davon, was er auf sich nimmt im Streben nach vollkommener Könnerschaft, was er verliert und wen er verletzt bei dem Versuch, den Sekundenbruchteilen seines Lebens über die Entwicklung seiner Fähigkeiten, über das Schaffen eines Rekordes oder Meisterwerks ein Stückchen Ewigkeit abzuringen. Diese mögliche Verengung des Blicks, die Pathologie des Getriebenen, nimmt „The Pin“ ins Bild, ohne dabei eine Moral vorhalten zu wollen. Man muss das so vereinzelte Subjekt nicht zwangsläufig als vereinsamt betrachten: in der Abschottung, der Isolation kann auch das meditative Glücksmoment liegen, sich von der unerträglichen Übermäßigkeit des Lebens befreit, Zeit seines Lebens ganz zu sich gefunden zu haben. Und doch ist „The Pin“ bisweilen ein radikaler Abend, der sein Publikum stellenweise beinahe aussperrt, während er ihm diesen Zustand der Einsamkeit, der Hermetik, des auf-sich-selbst-geworfen-Seins ganz direkt mitteilt.

Nicht immer bezeichnen Können und Meisterschaft das Gleiche. Wir können uns eine Welt vorstellen, in der alles handwerklich gelöst ist, jeder mit der ihm eigenen Perfektion am großen Schwungrad dreht. Was aber ließe sich in einer solchen Welt noch verhandeln, welche Lücken gäbe es, die noch Grund zu (gemeinschaftlicher) Auseinandersetzung böten? Jede Vollendung meint auch stets das Ende eines Prozesses. Und vielleicht hilft es daher, sich vorzustellen, dass jede Erinnerung irgendwann von einer anderen überlagert wird. Dass wir ständig Dinge fühlen, die Andere schon vor uns gefühlt haben. Dass das ganz unweigerlich so ist und dass das OK ist. Dass Meisterschaft neben Vorstellungen der Verewigung auch ein konkretes Gespür für das Endliche beschreiben kann: des eigenen Horizonts, der eigenen Ohnmacht gegenüber dem Unvorhergesehenen, des eigenen Daseins. Das wäre vielleicht eine Lektion, die auf das Theater zurück führt. Als eine Schule des Temporären, Gegenwärtigen, die uns von der Vorstellung kuriert, etwas Ewiges schaffen zu müssen, um das Leiden an unserer kurzlebigen Existenz zu mindern. Weil bei allem Können, aller Meisterschaft, die im Theater zusammenkommt, diese Kunstform wie kaum eine andere dem Vergehen überantwortet ist. Und sich – so paradox das klingen mag – gerade daraus sein Überdauern speist. Eine Vorstellung, die Francis Bacon sicher gefallen würde.