Vorwort
In der Spielzeit 2011/2012 wird das Schauspiel Bremen wieder mit zwölf Premieren einen abwechslungsreichen und aufregenden Spielplan präsentieren. Gemeinsam mit den acht Wiederaufnahmen ist damit endlich die Wiedereinführung des regulären Repertoirebetriebs abgeschlossen. Aber natürlich erschöpft sich auch in dieser Spielzeit die Arbeit unserer Sparte nicht allein in den Inszenierungen. Im Brauhauskeller und an anderen Orten im Theater wird es eine große Zahl einzelner (manchmal einmaliger) Veranstaltungen geben, die Literatur vorstellen, Spielweisen erkunden oder die Grenzen der Kunstform Schauspiel ausloten wollen.
Die Regisseurinnen und Regisseure Mirja Biel und Joerg Zboralski, Alice Buddeberg, Christine Eder, Corinna Sommerhäuser, Karsten Dahlem, Volker Lösch, Sebastian Martin, Robert Schuster und Frank-Patrick Steckel sind durch ihre Arbeiten am Schauspiel Bremen bereits bekannt. Sie alle stehen für ein Theater, das sich seiner gesellschaftlichen Bedeutung bewusst ist und sich auch nicht scheut, von der Bühne aus unbequeme Fragen zu stellen. Neu dazu kommen Nino Haratischwili, Nora Somaini und Stephan Seidel.
Mit vier Stücken der Gegenwartsdramatik (davon zwei Uraufführungen) bekommt nun die zeitgenössische Literatur ein besonderes Gewicht in der Spielzeit 2011/2012. Einen Gegenpol dazu werden große Stücke des traditionellen Kanons bilden: Autoren wie Beckett, Büchner, Schiller, Tschechow, Calderón und Aischylos versprechen große Stoffe. Aber interessant werden sie natürlich erst durch die Interpretation der Regisseurinnen und Regisseure, die sich ihrer annehmen werden, um sie in unsere Zeit zu übersetzen.
Die Themen, mit denen sich die Neuproduktionen beschäftigen, sind ebenso vielfältig wie die Epochen, aus denen die Stücke stammen. Diese reichen von den Anfängen der Kunstform Theater in der Griechischen Antike bis zur aktuellen Gegenwart, jene von den Fährnissen der heutigen Arbeitswelt bis zur »Erfindung« der Demokratie. Aber alle zwölf Stücke haben eines gemeinsam: Sie versammeln alle Figuren, die gegen die Widerstände einer Gesellschaft kämpfen, in der die Sorgen und Wünsche, die Nöte und Träume des Einzelnen nicht zählen. Sie versuchen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen: Dabei gehen etliche von ihnen über Leichen, andere scheitern bei dem Versuch, aber einige finden so etwas wie Glück – mal im Privaten, mal in ihrem öffentlichen Leben. Durch diese Widerständigkeit ähneln die Figuren den Dramatikern, deren Stücke den Spielplan bilden, denn fast alle von ihnen haben in ihrer Zeit ästhetisches Neuland betreten und sich wagemutig gegen die Traditionen ihrer Zeit gestellt – sie haben Recht behalten. Und das ist ein tröstlicher Gedanke!
Marcel Klett
Leiter des Schauspiels
Theater Bremen auf Facebook 