Bald lese ich in Bremen!
oder: Die blaugraue Dämmerung – Wie ich einmal für Günter Grass einspringen musste. Ein Text von Moritz Rinke
Die Süddeutsche Zeitung hat heute bei mir angefragt, ob ich etwas über die schlimmste Lesung schreiben könne, die ich je erlebt habe. „Warum nicht die Schönste? Ich habe sehr viele schöne Lesungen erlebt, ich liebe Lesungen!“, schrieb ich dem Feuilleton der Zeitung zurück. „Die Schlimmste ist aber interessanter“, antwortete man mir.
Also, gut, dann eben die Schlimmste, die habe ich Günter Grass zu verdanken. Grass hatte ich im Kanzleramt bei seiner Lesung kennen gelernt, Jahre später rief er mich aus einem Lübecker Krankenhaus an und fragte, ob ich ihn vertreten könne. Er habe gehört, dass ich ein guter Vorleser sei und nun sollte ich ersatzweise für ihn lesen, Gottfried Keller, Der grüne Heinrich.
Der grüne Heinrich? – dachte ich, in der Thomas-Mann-Stadt, um den Literaturnobelpreisträger Günter Grass zu vertreten? „Klar“, sagte ich, „es ist mir eine Ehre, ich mache das!“
„Gut“, antwortete Grass, "lesen Sie einfach Ihre Lieblingskapitel, den Rest fassen Sie zusammen!“
Ich besorgte mir sofort das Buch, um es überhaupt erst einmal zu lesen, ich kannte es gar nicht und hatte natürlich auch noch keine Lieblingskapitel. Drei Tage habe ich Gottfried Keller gelesen, aber offen gestanden bin ich nie über das erste Kapitel hinausgekommen, ich bin immer wieder vor lauter Naturbeschreibungen rausgeflogen.
Dafür lief aber meine Gottfried-Keller-Lesung in der Thomas-Mann-Stadt anfangs eigentlich sehr gut, ich las natürlich aus dem ersten Kapitel, die Zusammenfassung hatte ich von Wikipedia. Unter einer offenen Halle dieses Waldes ging am frühsten Ostermorgen ein junger Mensch; er trug ein grünes Röcklein mit übergeschlagenem schneeweißen Hemde, braunes dichtwallendes Haar und darauf eine schwarze Samtmütze, in deren Falten ein feines weiß und blaues Federchen von einem Nußhäher steckte.
Bis hierhin war noch alles okay. Der nächste von mir vorgetragene Satz war auch noch ganz gut: Als Heinrich an den Rand des Waldes trat, überflog der erste Rosenschimmer der nahenden Sonne die geisterhaften Gebilde, über dem letzten einsamen Eisaltar glimmte noch der Morgenstern …, doch dann kam dieser Satz: Der weite See verschmolz mit den Füßen des Hochgebirges in eine blaugraue Dämmerung; die Schneekuppen und Hörner standen milchblaß in der Frühe.
Plötzlich stand eine Zuhörerin in der ersten Reihe auf und sagte mitten in meine Gottfried-Keller-Lesung hinein: „Ich bin tief enttäuscht, Günter Grass liest den ‚grünen Heinrich‘ viel besser, mit Betonung!“
„Das tut mir leid“, antwortete ich, „ich weiß, dass Grass ein vorzüglicher Vorleser ist, aber ich wüsste nicht, was ich hier wie betonen soll?“
„Die Schneekuppen und Hörner, die milchblass in der Frühe standen, die hat Grass hier immer mit Betonung gelesen!“, erklärte sie.
„Ach, Sie waren schon mal bei einer Grass-Lesung vom ‚grünen Heinrich‘?“, fragte ich erstaunt.
„Ja, schon dreimal, ich bin auch enttäuscht!“, rief eine andere Dame, die sich in einer der hinteren Reihen erhob.
„Das mag sein, dass Grass das etwas mehr betont“, entgegnete ich, „aber ich finde Schneekuppen und Hörner, die milchblass in der Frühe standen – das steht doch für sich? Das muss man eigentlich ganz monoton vorlesen, weil das im Text irgendwie schon überbetont ist, ich möchte das nicht doppeln.“
„Die blaugraue Dämmerung kann ich mir aber bei Ihnen auch nicht vorstellen!“, sagte wieder die Frau in der ersten Reihe. „Bei Günter Grass hat man sofort das Hochgebirge vor Augen, bei Ihnen nicht!“
„Aber vielleicht ist es ja gut, dass Ihnen mal einer aus einer anderen Generation den ‚grünen Heinrich‘ vorliest“, erklärte ich, „für mich ist Gottfried Keller nämlich noch ein bisschen fremd.“
„Ich wette, Sie wissen nicht einmal, was ein Nusshäher ist!“, sagte die Nebenfrau der Dame aus der hinteren Reihe.
„Ein was??“
„Nusshäher!!! Haben Sie doch gerade vorgelesen!“
Ich hatte tatsächlich Nusshäher vorgelesen, ohne es irgendwie bemerkt zu haben. Schon beim zugegeben flüchtigen Probelesen des ersten Kapitels hatte ich Nusshäher offenbar überlesen und nicht einmal gegoogelt.
„Er liest Keller und weiß nicht, was ein Nusshäher ist!“, rief eine vierte. „Das ist die Stelle, wo Heinrich Lee, also der grüne Heinrich, mit einem schneeweißen Hemd und dichtwallendem Haar nach Deutschland kommt, mit Nusshäher in der schwarzen Samtmütze!“
„Mir ist es, offen gestanden, egal, was der grüne Heinrich in der Samtmütze hat!“ Ich wurde langsam wütend. „Ich bin zeitgenössischer Dramatiker und Literat, ich habe eine Zeit lang Popliteratur geschrieben! Milchblasse Schneekuppen, blaugraue Dämmerung, Nusshäher in schwarzen Samtmützen – das geht mir total auf die Nerven! Ich mache das hier nur, weil mich Günter Grass gefragt hat! Und weil es ganz gut bezahlt ist! Soll ich Ihnen zum Schluss noch die Wikipedia-Zusammenfassung vorlesen, mit Betonung?“
Eigentlich liebe ich ja Lesungen. Ich liebe es, während der Zugreise die Seiten meiner Strichfassung zu ordnen, die noch von der vorherigen Lesung ganz durcheinander ist, ich liebe es sogar, dabei diesen fürchterlichen ICE-Kaffee zu trinken, wenn ich es überhaupt noch schaffe, in den Speisewagen vorzudringen; ja, wenn man überhaupt noch in der deutschen Bahn seine Strichfassung zu ordnen imstande ist vor lauter Chaos. Und ich liebe es, die Strichfassung auf den Lesetisch zu legen, auf einen einfachen Holztisch mit einem Glas Wasser, stilles, kein Glas Rotwein, wie Grass das immer gemacht hat, auch im Kanzleramt. Es mag ja sein, dass Grass die blaugraue Dämmerung mehr betont hat, aber ich finde Rotwein bei Lesungen die falsche Betonung. Ob er wohl blumig, fruchtig, voll oder samtig schmeckt? – fragte ich mich, als Grass während seiner Lesung im Kanzleramt Rotwein trank, ja, vielleicht betont man dann auch gleich blumiger oder fruchtiger, wenn man bei Lesungen Rotwein trinkt? Unbedingt nur stilles Wasser. Und einen schlichten Holzstuhl, bloß kein Sofa, keinen Sessel, ich halte Kollegen, die auf Sesseln und auf einem Sofa ihre Lesungen bestreiten, für Dilettanten. Mit Rotwein liest man überbetont fruchtig, auf einem Sofa oder Sessel kann man überhaupt nicht lesen.
Bald lese ich in Bremen, herrlich! Wenn ich in Bremen ankommen sollte und trotz deutscher Bahn noch bei Sinnen bin – und nicht gerade aus dem grünen Heinrich lesen muss – dann wird es bestimmt herrlich.
Veröffentlicht am 7. März 2023