Britneys Comeback
Nach neun umjubelten Open-Air-Shows und einer verdienten Sommerpause ist sie zurück: Britney Spears kommt wieder nach Bremen (und Mainz), indoor und grenzenlos. Dramaturg Stefan Bläske versucht sich als Werbetexter.
Aus Scheiße Gold machen, das sei, so sagen spitze Zungen, die Kunst von Werbung und Marketing. Wenn man eh schon Gold in Händen hält, sollte das Verkaufen vergleichsweise einfach sein. Aber wer bestimmt den Marktwert und lassen sich die Regeln von Angebot und Nachfrage, wie sie bei Waren oder Wohnungen gelten mögen, auch auf Menschen, Theater und Geschichte(n) übertragen?
Piece of Me
Britney Spears ist Gold. Sie hat Gold- und Platinauszeichnungen für ihre Alben bekommen, Musikgeschichte geschrieben, 174 Millionen Tonträger verkauft. Sie hat Millionen eingenommen. Und ihr Vater auch, der sie 13 Jahre lang unter Vormundschaft gestellt und gleichsam im goldenen Käfig gehalten hat. Zur öffentlichen Person gemacht wurde sie bereits im Kindesalter unter anderem mit dem Disney Club, seither verfolgt eine Weltöffentlichkeit ihre Höhenflüge und Abstürze, die Nah- und Ferndiagnosen eines Star- und Insta-Lebens, das seine Haut zu Markte trägt. Sucht man nach einem nächsten Auftritt, einer nächsten Britney-Tournee, findet man Statements, dass sie aufgrund ihrer Traumata nie mehr auftreten wolle. Trotzdem erscheinen als erste Suchergebnisse Ticketmaster und Eventim, die Vermarkter und Verkäuferplattformen. Die brauchen schon gar keine Termine und Inhalte mehr, um für sich selbst zu werben.
The Circus
Ist ein Theater, das einen Liederabend über Golden Girl Britney macht, auch nur Profiteur im Showbiz-Zirkus? Dafür freilich ist Regisseurin Anne Sophie Domenz, die am Theater Bremen bereits Inszenierungen zu Madonna und Patti Smith verantwortete, zu klug. Ihre Auseinandersetzung mit dem Phänomen Britney verwandelt Spears in ‚Fears‘, in die Ängste, und weitet den Blick: Zu Wort kommen neben Britney auch Madonna, Lady Gaga und Taylor Swift, immer wieder geht es um feministische Kämpfe in einem patriarchalen Musikgeschäft, in dem selbst diese superreichen Megastars ohnmächtig und ausgeliefert sind, in dem sie toxisches Verhalten und schlimme Sch… erleben. Oh, ist das also schon wieder ein Problemstück? Mit woker Kapitalismus, Selbst- und Repräsentationskritik? So, bitteschön, funktioniert in reaktionären Mega- und MAGA-Zeiten doch kein Werbetext für einen Pop-Liederabend?!
Oops!... I Did It Again
Also: Britney's Fears steckt voller Ohrwürmer, die noch Tage danach durch eure Gehörgänge tanzen werden. Auf der Bühne: die pinkste Band Bremens, die inklusive Blaumeier-Band Fransen in Astronautenkostümen. Schauspieler:innen aus dem Ensemble des Theater Bremen und des Schauspiel Hannover, aus der Bremer freien Szene und dem inklusiven Blaumeier-Atelier. Und musikalische Leitung sogar hoch drei: von Lea Baciulis, Maartje Teussink und Walter Pohl. Neun Mal haben sie mit ihrer Inszenierung den Theatervorplatz gerockt (open air), zwei Vorstellungen sind ins Wasser gefallen (open rain). Jetzt kriegt Britney endlich ein Comeback und auch ein Dach überm Gold-Blond-Schopf: Die Produktion wechselt ins Kleine Haus. Und ist dann im Oktober auch gleich auf Welttournee, naja, immerhin am Staatstheater Mainz im Rahmen des Festivals Grenzenlos Kultur.
... Baby One More Time
Die Zwischenüberschriften sind übrigens Titel von Britneys Welttourneen – und von Songs, die natürlich in Britney's Fears vorkommen. Buy tickets, now! Sold out soon! Don't miss out! A Masterpiece! Make Britney great again! Oops … toxic.
Note to the dramaturge: Still writing texts? Boomer! That's so outdated … Post videos and stories! And use hashtags! #stillfreebritney
Veröffentlicht am 10. September 2025.