„Der Tod sollte einfach nicht das letzte Wort haben“
Die Fotografin und Autorin Bettina Flitner spricht anlässlich der Bremen-Premiere ihres Romans Meine Schwester mit Schauspielleiter Stefan Bläske über die Kraft des Schreibens und Erinnerns, klare Bilder und letzte Worte.
Stefan Bläske: Der Anlass und Ausgangspunkt Ihres Romans Meine Schwester ist ein sehr persönlicher und tragischer, der Suizid Ihrer Schwester. Kann Schreiben auch Verarbeitung, Therapie, Trost sein?
Bettina Flitner: Ja, das kann es. Für mich hat das Schreiben über meine Schwester diesen Effekt gehabt. Denn ich habe ja nicht nur das Ende beschrieben, sondern auch den Beginn, das Schöne und Lustige unserer Kindheit und Jugend. Ich habe meine Schwester wieder ein Stück lebendig werden lassen, dem Tod nicht erlaubt, alles was vorher war, einzukassieren. Der Tod sollte einfach nicht das letzte Wort haben. Und dieser Prozess war tröstlich für mich, aber offenbar auch für die Leserinnen und Leser, die mir in sehr vielen Briefen geschrieben haben, dass das Buch, trotz allem Schmerz, Mut macht.
Rezensionen erwähnen zurecht immer wieder Ihre bildhaften Beschreibungen und wie eindrucksvoll Ihr Roman auch in ‚visueller‘ Hinsicht ist. Wie sehr hilft das Fotografin-Sein beim Schreiben?
Ich habe wohl schon als Kind ein gutes visuelles Gedächtnis gehabt, so dass mir viele Dinge auch heute noch buchstäblich noch vor Augen stehen. Vielleicht bin ich ja deshalb Fotografin geworden. Und in dem Beruf wiederum trainiert man täglich das Sehen und Hinsehen. Die Bilder muss ich dann nur noch in Worte fassen.
Die eigenen Familienmitglieder auf einer Bühne zu sehen, ist sicher nicht einfach, es ist ja kein Dokumentarfilm, sondern eine freie künstlerische Umsetzung mit eigenen Mitteln und Fantasien des Theaterteams. Wie ging es Ihnen mit der Inszenierung?
Bettina Flitner: Das war für mich natürlich überhaupt nicht einfach, die Geschichte von meiner Schwester und mir auf der Bühne zu sehen. Das hat ja eine andere Öffentlichkeit als ein Buch, mit dem jeder Leser und jede Leserin mit sich allein ist. Da ist dann plötzlich ein Raum, in dem auch andere Menschen sitzen und man erlebt es gemeinsam. Aber ich finde die Umsetzung sehr gelungen. Die Dramaturgin Margrit Sengebusch und die Regisseurin Bettina Engelhardt haben gute Text-Passagen aus dem Buch gewählt, um die Geschichte auf der Bühne zu erzählen. Und die beiden Schauspielerinnen, Fania Sorel und Veronika Thieme, die ja nicht nur meine Schwester und mich spielen, sondern auch noch alle anderen, die im Buch vorkommen, sind großartig. Das Bühnenbild, ein langer Tisch mit leeren Stühlen, die die verschiedenen Personen verkörpern, ist in seiner Konzentration und Verknappung eine wirklich gute Idee. Ich muss zugeben, dass ich den Einsatz einer Puppe erst eine seltsame Vorstellung fand. Aber die Qualität der Puppenspielerin, Veronika Thieme, die Kraft, die sie dieser sehr realistischen und zugleich abstrakten Gestalt einhaucht, hat mich überzeugt.
Nun ist Ihr neuer Roman Meine Mutter erschienen. Wie kam es dazu, und wird daraus dann irgendwann noch eine Trilogie oder eine ganze Reihe?
Durch Meine Schwester hat sich der Raum dahinter geöffnet, und das ist die Geschichte meiner Mutter. Ich bin für Meine Mutter tief in die Familiengeschichte eingestiegen, und spanne den Bogen von Anfang des Jahrhunderts bis ins Heute. Auf den Spuren meiner Mutter bin ich in den Luftkurort Wölfelsgrund gefahren, im heutigen Polen. Und dort, in dem nahezu unveränderten Ort, habe ich die Geheimkammern meiner Familie geöffnet und vieles entdeckt. Da geht es um die transgenerationale Weitergabe eines Traumas, um das wortlose Weitergeben von Generation zu Generation. Nein, das wird keine Trilogie oder Reihe, die beiden Bücher über meine Schwester und meine Mutter sind die zwei Hälften eines Ganzen.
Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Wenn Sie selbst oder Angehörige Hilfe benötigen, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Weitere Informationen und Unterstützung finden Sie auch online unter www.telefonseelsorge.de.
Veröffentlicht am 26. September 2025.