Heilig’s Blechle!
Anlässlich der Spritpreisdiskussionen und zum Probenstart der inszenierten Stadtrundfahrt Die Trasse. Eine Erfahrung plädiert Schauspielleiter Stefan Bläske für Luft statt Lärm, für E statt Öl. Eine Polemik gegen die Fahr- und Stehzeuge in den Städten.
Der Blick auf die Zapfsäule: Ach, du heilig‘s Blechle! Die Deutschen pflegen eine intensive und toxische Liebesbeziehung zum Auto. Kaum klettern die Spritpreise, reden alle über Pendlerpauschalenerhöhung und Tankrabatte, nun senkt die Regierung (temporär) die Steuer auf Diesel und Benzin. Dabei müsste sie sich vor allem für eine grundlegende Reduzierung der Verbrenner einsetzen. Wie viele schöne Wohngegenden und grüne Lungen wurden im 20. Jahrhundert der Ideologie einer „autofreundlichen“ Stadt geopfert. Und wie viele Widerstände gibt es nun, wenn man versucht, die Städte wieder „lebensfreundlicher“ zu machen?
Dabei sind sich in Bremen im Rückblick alle einig: Die Mozarttrasse verhindert zu haben, 1973, übrigens unter anderem mit einer Einwohnerversammlung im Chorprobensaal des Theater am Goetheplatz, das war doch gut und richtig! Das Plattmachen des heute so beliebten Bremer Viertels zugunsten einer mehrspurigen Schnellstraße würde heute niemand mehr wollen. Auch darauf, dass Fahrradfahren gesund ist, für Herz und Kreislauf und die Umwelt, können sich fast alle einigen, und dass es mehr Fahrradwege braucht: breitere, sicherere, auf denen Platz ist für Kinderanhänger, Lastenräder, Drei- oder Vierräder für Menschen, die etwas wackeliger unterwegs sind. Wehe aber, solch ein Radweg macht eine Straße schmaler oder nimmt Parkplätze weg, dann ist der Widerstand schon wieder da.
Bitte Umsteigen
Bei uns im Theater scheint die Welt noch in Ordnung. Neulich bei einem Vortrag über das „braune Erbe“ von Firmen und Familiendynastien fragte der Referent das Publikum, wer denn ein Auto von dieser oder jener Firma habe … und niemand meldete sich. Nach der fünften oder sechsten Marke fragte er verzweifelt: „Ja, was fahren Sie denn hier in Bremen?“, und alle riefen: „Fahrrad!“. Das spricht für unser Publikum, ist aber nicht repräsentativ. Von den 50 Millionen Pkw, die in Deutschland rumstehen, tummeln sich 248.000 in Bremen. Wir blicken häufig über die Blechkarossen hinweg, aber stellen Sie sich Ihren Fußweg zum nächsten Laden oder Kinderspielplatz mal aus der Perspektive eines Kindes oder Menschen im Rollstuhl vor: Dann sehen Sie eigentlich nur Blech! Neue Zahlen zeigen: Die Menschen besitzen mehr Autos, nutzen sie aber weniger. 1,2 Pkw pro Haushalt. Durchschnittlich wird ein Auto jeden Tag ca. 40 Minuten benutzt, das heißt es steht über 23 Stunden unnütz rum. Aufs Jahr gerechnet sind das über 350 Tage! Manchmal in Einfahrten und Höfen, meist im öffentlichen Raum. Da könnte man ja auch seine Waschmaschinen, Rasenmäher und alles, was man sonst nur ab und zu nutzt, in den Zwischenzeiten auf der Straße abstellen. Wahnwitzig ist es, dieses kapitale Besitzenwollen.
Sharing heißt Caring
Das System von Carsharing ist mittlerweile gut entwickelt, einfach, zugänglich und unkompliziert, mit der Option, für jede Fahrt das ideale Gefährt zu wählen, vom Kleinwagen bis zum Transporter. Es wäre für die meisten Menschen deutlich sinnvoller und ja, sogar billiger als ein eigenes Auto, von der Parkplatzsuche ganz zu schweigen. Eines ihrer Fahrzeuge, sagt das Bremer Unternehmen cambio CarSharing, ersetzt durchschnittlich elf private Pkw. Warum braucht es so lange, bis sich dieses System in der Breite durchsetzt? Müsste nicht gerade Bremen Vorreiterin, Vorfahrerin in der Entwicklung zu einer vorbildlichen, gesunden Stadt sein mit weniger Blech und mehr Grün, mehr Sharing und Caring? Und einem besseren öffentlichen Nahverkehr? Zumal es neben den Verkehrstoten, dem Platzverbrauch und der Verhässlichung unseres Lebensraums ja auch noch den Aspekt der Lärm- und Luftverschmutzung gibt.
Der Lärm macht krank, die Luft ist dick
Die Anwohner:innen der Stadtautobahnen sind vermutlich am schlimmsten betroffen, aber es gibt ja viele laute Straßen: die schnellen, die mehrspurigen, die pflasterbesteinten. Lärmforscher und Epidemiologen schätzen, dass in Bremen 300.000 Menschen von Straßenlärm betroffen sind – und dass das krank macht, Einfluss hat auf Bluthochdruck, Schlafstörung, Depressionen. E-Fahrzeuge könnten (neben weiteren Aspekten wie Abhängigkeitsreduktion von Autokratien) helfen, Lärm und Abgase zu reduzieren, die Luftqualität zu verbessern. Denn auch wenn maritimes Wetter Frischluft zuführt: Schadstoffe, Feinstaub und Stickoxide sind nicht zu unterschätzen. Und wie förderlich für Gesundheit und Lebensqualität wäre es, auch in Straßennähe Fenster offen lassen zu können – und durchzuatmen. Wenn also die Nachteile von vielen Verbrennern in der Stadt derart offensichtlich sind, wenn es neue Techniken gibt zu deutlichen Verbesserung: Warum geschieht das nicht oder nur so zögerlich?
Verkehrspolitik als Kulturkampf
Es geht in der Verkehrspolitik ganz ähnlich zu wie bei den Kulturkämpfen um Gendersternchen und Vegetarismus: Die Retrokräfte scheinen so stark, die Besitzstandswahrer so mächtig, den Blick immer im Rückspiegel. Da hofft die bange Politik doch lieber auf einen schleichenden Wandel, will möglichst wenig durch Gesetze und ‚Einschränkungen‘ vorgeben, weil jede ‚Verbotsdebatte‘ wieder Wasser auf die Mühlen der Trumpisten und Rechtspopulisten ist, die den Egoman(n)en einreden, sich für ihre ‚Rechte‘ einzusetzen – jedem seine Karre oder Knarre! Ob sich heute noch jemand trauen würde, die Gurtpflicht einzuführen? Also wird politisch wenig gesteuert, eher gebremst. Soll es doch der freie Markt richten, qua Innovation. Alle wissen, dass das nicht reicht, zu langsam ist. Aber selbst während die Freie-Fahrt-für-freie-Fahrer-Partei FDP auf dem Autofriedhof Rost ansetzt und die Rohöl- und Dieselpreise steigen, traut sich die sogenannte GroKo nicht an ein (temporäres) Tempolimit, wie es in fast allen anderen europäischen Ländern ganz normal ist. Ob wir vielleicht doch noch lernen, das Lenkrad rumzureißen? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber vorher sterben leider weiterhin sehr viele Menschen im Autoverkehr, an der Umweltverschmutzung – und in den (Wirtschafts)Kriegen, die weiterhin auch ums Öl geführt werden. So düster kann es doch nicht sein und enden? Es muss ein anderes Ende geben, muss, muss, muss.
Veröffentlicht am 15. April 2026.