Brigitte Heusinger: Du schläfst schlecht?

Nadine Lehner: Die Musik rattert in meinem Kopf, die Proben beschäftigen mich. Heute Nacht hatte ich einen wilden Traum. Ulrike Schneider hatte in ihrer Rolle als Küsterin eine große weiße Decke über mir ausgebreitet, unter der ich wie begraben lag. Mir blieb die Luft weg und ich war unfähig, mich zu befreien.

Es ist wohl die Perspektive des Kindes, das in der Oper von der Küsterin umgebracht wird: Die Küsterin ertränkt Jenůfas Neugeborenes in einem Eisloch im Fluss. Diese ungeheuerliche Tat begeht sie in ihren Augen für ihre Stieftochter Jenůfa. Sie will ihr die Schande eines unehelichen Kindes ersparen.

Nadine Lehner: Ein absolut krasser Opernstoff und ein Frauenstoff. Drei Frauen aus verschiedenen Generationen verhandeln Konflikte miteinander.

Und die Männer sind die Auslöser der Konflikte …

Nadine Lehner: … von denen man sich als Zuschauer:in nicht distanzieren kann. Der Tod des Kindes macht einen einfach fertig. Das ging mir schon so, bevor ich ein eigenes Kind hatte. Es gibt nichts, was einen Kindsmord entschuldigen würde. Dieses Schlimmste aller Vergehen ist für mich als Darstellerin viel schlechter auszuhalten als andere Opernuntaten wie der Mord am Liebsten oder die Androhung von Folter.

Und die Musik hilft da nicht.

Nadine Lehner: Nein, die Musik ist absolut gerade heraus, sie ist direkt, die Themen kommen auf den Tisch. Aber auch ihr volkstümlicher Ton ist mir sehr nahe. Und ich freue mich auch sehr auf die Interpretation von Yoel Gamzou in ihrer hohen Emotionalität, mit vielen Farb-und Tempowechseln und klaren, harten Schnitten.

Die Figuren unterhalten sich nahezu realistisch miteinander, das Zeitmaß ist fast natürlich. Dieser ungewohnte Opernrealismus macht Jenůfa auch zu einer deiner absoluten Lieblingsrollen. Trotzdem hast du die Figur in anderen Aufführungen als eindimensionaler empfunden als die Partie der Küsterin, die man emotional mitverfolgen muss: die schreckliche Tat, das daran Verzweifeln und das Bereuen.

Nadine Lehner: Ja, ich spiele am liebsten melancholische Psycho-Rollen. Und da musste ich es schon herstellen, im ersten Akt eine unbeschwerte 17jährige zu verkörpern, die überzeugt von ihrer Wirkung andere gängelt und von oben herab behandelt. Und die völlig naiv mit ihrem ersten Liebsten in die Kiste steigt und schwanger wird. Noch ist sie selbstbewusst und optimistisch, dass Steva sie heiraten wird.

Das ändert sich im Verlauf.

Nadine Lehner: Ja, die Figur hat eine große Fallhöhe. Und hier wird es für mich als Spielerin überaus reizvoll, dass Regisseur Armin Petras die Kontraste in den Figuren sehr groß zieht, Jenůfas Veränderung, Jenůfas Wandlung sehr spürbar macht. 

Im zweiten Akt ist Jenůfa schon nicht mehr das blühende Leben.

Nadine Lehner: Wir sehen sie kurz nach der Geburt des Kindes, sie ist total fertig. Monatelang war sie auf engsten Raum mit der Küsterin eingeschlossen, um die Schwangerschaft zu tarnen. Schwangerschaft und Geburt haben ihr zugesetzt und ihre Schönheit ist dahin. 

Der andere Mann in ihrem Leben, der eigentlich sehr gutmütige Laca, mit dem sie aufgewachsen ist, hat ihr aus Eifersucht eine tiefe Wunde in die Wange geschnitten. Trotzdem wird sie sich am Schluss mit ihm zusammentun. 

Nadine Lehner: Schon vor Jahren habe ich Armin Petras gefragt: Wie siehst du das Ende? Glaubst du an das happy end, dass die beiden sich kriegen und dass Jenůfa in Laca einen Menschen gefunden hat, dem sie vertrauen kann? Denn es geht alles verdammt schnell. Sie wird von Laca verletzt, entstellt und ein paar Monate danach willigt sie in eine Hochzeit mit ihm ein.

Und Armin Petras hat sich etwas einfallen lassen.

Nadine Lehner: Ja, er verlängert den Zeitsprung. Laca hat also mehr Zeit gehabt, ihre Gunst zu gewinnen. Und Jenůfa ist gereift und ein emanzipatorischer Schluss ist möglich. Sie ist es, die entscheidet, nicht zu heiraten, den Ort zu verlassen und nach kurzem Zögern Laca mitzunehmen.

Die Zeitsprünge sind im Stück überhaupt deutlich.

Nadine Lehner: Ja, im ersten Akt ist Sommer, wir arbeiten draußen und versuchen deutlich zu machen, wie heiß es ist, wie sehr wir schwitzen.

Im zweiten Akt ist es kalt, emotional wie real.

Nadine Lehner: Und im dritten Akt ist es Frühling, das Eis taut und das Kind taucht auf.

Die Inszenierung hat eine sehr deutliche Verortung, nämlich Tschechien in der Wendezeit, also um 1989 herum. Warum?

Nadine Lehner: Es ist eine Zeit des Umbruchs, in der es Gewinner und Verlierer gab. Ein Aufbruch in eine neue Welt und neue Möglichkeiten, aber eben auch eine Zeit der verpassten Chancen und der Gefahr zurück zu bleiben.

Und Jenůfa ist eine Frau, die zurückbleibt?

Nadine Lehner: Ja, sie zieht sich zurück, weil sie nicht zu den Gewinnerinnen gehört. Sie hat die Narbe im Gesicht, fühlt sich in ihrem eigenen Körper nicht mehr wohl. Sie ist erst 18 oder 19, aber ihre beste Zeit ist schon vorbei. Und ein Kind, das weiß sie, das weiß die Küsterin, würde im Weg sein, würde sie am neuen Leben hindern.

Der Handlungsort ist eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft – statt einer engen Dorfgemeinschaft also eine enge Arbeitsgemeinschaft.

Nadine Lehner: Ja, viele Aspekte der Handlung lassen sich mühelos integrieren, wie die Tatsache, dass Steva nicht in die Armee aufgenommen wird. Sie löst sich gerade auf. Oder die soziale Position von Steva. Seine Familie wird mal die Mühle besessen haben. Er wird Restitutionsansprüche haben und eben bald zu den Gewinnern zählen.

Diese konkrete Verordnung ermöglicht eine Spielweise, die du magst.

Nadine Lehner: Das Besondere an der Art wie Armin Petras inszeniert, ist, dass er von Anfang an viele Requisiten auf die Bühne bringt. Und so ist man beschäftigt mit ganz konkreten Handlungen, mit Gärtnern, mit Kartoffeln schälen oder Wäsche waschen. Das ermöglicht ein ganz natürliches Spiel. Und über dieses motorische Spiel hinweg hat Armin Petras die Gabe, ganz tief in die Konflikte und Emotionen hineinzugehen, Schmerz und auch Spielfreude zuzulassen. Es wird viel über die Rampe kommen.  

Wird es passieren, dass dir echte Tränen kommen?

Nadine Lehner: Das habe ich mich auch gefragt, weil ich immer so aufgelöst war, wenn ich die Oper gesehen habe. Jetzt, während der Proben, haben wir eine lustige, entspannte Atmosphäre. Wir arbeiten. Und auch während der Aufführung habe ich ja einiges zu tun und muss meine Nerven und Konzentration wirklich zusammenhalten. Und so hoffe ich dann doch, dass mir keine Tränen kommen, denn Heulen und Singen, das geht nicht zusammen.  

 

 

Veröffentlichung: 5.4.22

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