„Kaum Platz für die brüchigen Seiten, die sie zu Menschen machen“
Arvid Fagerfjäll singt und spielt Sissy: Ein Gespräch mit Dramaturgin Pia Syrbe, darüber, wie es ist, sich in eine Figur reinzudenken, die für viele eine Projektionsfläche für alle möglichen Stereotype ist …
Pia Syrbe: Im deutschsprachigen Raum ist Sissy eine ikonische Figur, die Filme haben Kultstatus. Was war das Erste, womit du dich beschäftigt hast, als du wusstest, dass du die Rolle spielen wirst?
Arvid Fagerfjäll: In Schweden ist Sissy nicht so bekannt. Ich habe also erstmal kurz in den Film reingeschaut und dadurch besser verstanden, was die Idee vom Stück war, welche Atmosphäre es hat. Es hat mich sehr an The Sound of Music erinnert, womit ich aufgewachsen bin. Auch dort gibt es diese heile Welt aus den Sechzigern, es spielt in Österreich …
Sissi, in der Operette mit „y“ geschrieben, ist vor allem Projektionsfläche: für Weiblichkeit, Prinzessin-Sein, Filmstar … Wie ging es dir damit, diese Projektionsfläche zu verkörpern?
Ich habe versucht, die Projektionen möglichst fern von mir zu halten. Am stärksten war für mich das Bild einer Prinzessin, mit all ihrem Drama, das ideale Bild, das man auch von vielen anderen ikonischen Charakteren kennt. Es ist kaum Platz für die brüchigen Seiten, die sie zu Menschen machen. Sissy ist eine heldinnenhafte Figur, aber wir erfahren nicht wirklich viel von ihr, sondern setzen unser eigenes Bild von ihr zusammen. Auch in der Operette geht es mehr um das Abziehbild als um den Menschen.
Ja, sie ist eine Ikone.
Genau, sie vereint vieles in sich, zu viel, um alles auf einmal darzustellen: das populäre Abziehbild, Klischees, stereotype Rollenbilder … Ich wollte nicht zu sehr ein bestimmtes Gender-Klischee erfüllen. Das sind Fragen, die mich auch privat beschäftigen. Was bedeutet Weiblichkeit, wie wird man als weibliche Person gelesen … Ich hatte manchmal Angst davor, zu sehr in Extreme zu verfallen. Ich wollte nicht zu viele Emotionen zeigen oder zu sehr ein bestimmtes Frauenbild spielen. Damit haben wir lange auf den Proben gehadert: Wo fangen wir an, wie ist diese Figur überhaupt angelegt? Wir haben das Profil der Rolle lange gesucht.
Und welchen Weg habt ihr dann gefunden?
Für mich kam das besonders durch das Zusammenspiel mit Elisa Birkenheier (die Sissys Schwester Néné spielt) und Lieke Hoppe (Kaiser Franz Joseph). Dann war schnell klar, dass es vor allem darum geht, dass wir Menschen sind, die ganz natürlich miteinander interagieren. Aus diesen Interaktionen ist das Stück für mich entstanden. Natürlich gibt es in der Operette auch viele Schenkelklopfer und Elemente der Klick-Klack-Komödie. Dazu braucht man dann aber auch ein Gegenstück. Sissy steht oft dazwischen als leuchtende Figur, das ist echt eine Balance-Frage und nicht immer leicht zu tragen. Ich weiß nicht, ob ich das ohne die beiden Spielpartnerinnen geschafft hätte, ob wir den Ton zwischen witziger Überzeichnung und authentischer Tiefe der Figur so gefunden hätten. Dadurch fühlt es sich jetzt für mich auch natürlich an, das zu spielen.
Wie hast du dich auf die Figur vorbereitet? Für eine Bariton-Stimme ist das ja keine Fachpartie …
Ich war bisher hier am Haus schon in sehr diversen Partien besetzt, das ist mir also nicht so neu. Ich war allerdings echt erstaunt, wie tief die Partie ist. Es war für eine Schauspielerin geschrieben, die aber gar nicht so gut singen konnte. Deswegen war das Gesangliche nicht so eine große Herausforderung. Die größere Arbeit war dann die mit dem Text auf den Proben.
Ja, Paula Wessely, die Uraufführungs-Sissy, wurde von einer versteckten Sängerin gedoubelt, weil sie selbst die Partie nicht hätte singen können. Ein bisschen ironisch ist, dass dieses lip-syncing aus der Uraufführung auch eine queere Praxis in der Drag-Kultur ist. Daran zeigt sich die Performance als scheinbar perfekte Frau, der geborene Star, die aber eigentlich die Rolle gar nicht singen kann.
Ja, das ist eben das Problem mit diesen Gender-Idealen, mit den Weiblichkeitsrollen. Natürlich ist sie die Schönste, Beste, Tollste und kann auch noch am schönsten singen. Sie ist wie die Opernheldin Carmen, dieses Idealbild einer femme fatale zu erreichen, ist einfach unmöglich, man kann sie nicht greifen, es gibt viel zu viele Erwartungen. Wir können also gleich versuchen, uns von den Erwartungen zu lösen und unser eigenes Ding machen.
Was ist für dich das Hauptthema in Sissy?
Freiheit und Selbstbestimmung. Ich bin froh, dass wir bei Sissy eine größere Selbstverständlichkeit in der Darstellung einer queeren Figur erreichen. Dass die Rolle durch meine Darstellung weiblich gelesen wird, dass dieses Thema auch für ein Publikum schlüssig ist, das sich vorher noch nie mit Transidentität auseinandergesetzt hat, dass es egal wird, welches Gender die Figur hat. Es wäre schön, wenn das Publikum mit dieser Selbstverständlichkeit nach Hause geht.
Das geht in der Operette vielleicht auch besser als in anderen Musiktheaterformen, oder? Mit der Operette als eine Spielform, in der die Norm schon immer auf den Kopf gestellt wurde, in der auf spielerische Art die bestehenden Verhältnisse sehr leicht kommentiert werden.
Ja, vielleicht. Die Operette ermöglicht es uns in jedem Fall, nicht die klassischen Leidenswege zu erzählen, die wir oft in der Oper haben. Mir ist es wichtig, dass es auf unserer Bühne auch queere Geschichten mit Happy End gibt, in denen die Queerness nicht problematisiert wird. So haben wir die Chance, ein Leben auf der Bühne zu zeigen, das man sich wünscht und nicht immer die gleichen Stereotype zu spielen. Ich wünsche mir, dass wir irgendwann dahin kommen, mehr Lebensrealitäten abzubilden und einzuladen. Ich will einfach in einer Welt leben, in der es selbstverständlich ist, dass queere Menschen existieren.
Veröffentlicht am 8. Mai 2026.