Theater am Goetheplatz / Premiere

Leben und Schicksal

Deutschsprachige Erstaufführung
nach dem Roman von Wassili Grossman
in einer Bearbeitung von Armin Petras
im Anschluss Premierenfeier

„Wenn die Fahnen wehen, rutscht der Verstand in die Trompete.“ (Herta Müller) — Ein Leben wie ein Roman: Wassili Grossman wuchs im ukrainischen Berdytschiw auf, in der Zeit des Großen Terrors wurde seine Frau verhaftet, Freunde hingerichtet. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 fiel seine jüdische Mutter der „Shoa mit Kugeln“ zum Opfer. Grossman wurde Kriegsreporter für die Rote Armee und zum Kriegshelden. Aber sein Glauben an das stalinistische System zerbrach rasch. „Leben und Schicksal“ handelt von all dem: der Schlacht um Stalingrad, den Lagern, den „Säuberungen“. Mittendrin die Familie eines Physikers, der um die Wahrheit ringt – angelehnt an Nobelpreisträger Lew Landau. Vielschichtig zeigt Grossman Not, Mitläufertum und Widerstand in der Stalin-Hitler-Ära. „Leben und Schicksal“ wurde vom KGB beschlagnahmt, der Dissident Grossman hat die Veröffentlichung nicht mehr erlebt. Eine Herausforderung für die Bühne, speziell in diesen Zeiten.

Hinweis: Die Inszenierung enthält Darstellungen von Krieg und Gewalt.

  • „In schnellen Szenenwechseln und atmosphärisch – weil folkloristisch – begleitet von den Live-Musikern Johannes Haase (Violine) und Miles Perkin (Komposition und Kontrabass) erschafft Petras ein historisches, überraschend spielerisches Episodendrama, das die Schrecken des Krieges absichtlich nur skizziert und in zahlreichen psychologisch gearbeiteten Miniaturen, in hinreißenden genauso wie in brutalen Szenen vor allem von den Menschen und ihrem Schicksal erzählt. Letzteres macht er gewohnt gekonnt mit großer Liebe zum Detail, mit feinsinnigem Humor und mit einem wohl dosierten Hauch an Überzeichnung.“ (Katrin Ullmann, Theater heute, Dezember 2022)

    „‚Leben und Schicksal‘ ist eine rauschhafte Inszenierung – und eine kluge Spiegelung der aktuellen, durch Putins Angriffskrieg in der Ukraine verursachten Kriegsgräuel. Der Regisseur Armin Petras wuchtet mit einem sich wild verausgabenden Schauspielensemble einen vergessenen, aber starken Roman auf die Bühne.“ (Wolfgang Höbel, Der Spiegel, 25. November 2022)

    „Das Ensemble spielt erstklassig, hochpräsent. Miles Perkin und Johannes Haase an Geige und Kontrabass erzeugen dazu ein zittriges Klangfeld, verhaucht, zart, kratzend, wieder brachial. Das Stück wirkt heutig, weil es das Heute auslässt. Man darf es sich denken, man empfindet es ganz automatisch.“ (Peter Helling, Theater der Zeit, Dezember 2022)

    „Es ist tatsächlich eine sehr historisch angelegte Inszenierung, es ist wie ein Episodenfilm der Zeitgeschichte, der Stalin-und-Hitler-Ära – und das ist sehr kurzweilig und klug erzählt. […] Ich finde, es ist ein starker Abend, es ist ein extrem gutes Ensemble, sehr starke Schauspieler:innen und überraschend kurzweilig für 3,5 Stunden Theater mit so einem Stoff.“ (Katrin Ullmann, Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 2. Oktober 2022)

    „Allein schon die Stückauswahl verdient ein dickes Lob. „Leben und Schicksal“ ist keine simple Geschichtsstunde, sondern zeigt, wie böse der fanatische Glaube an das vermeintlich Gute enden kann. Und wie wichtig der Glaube an die menschliche Güte ist. Die Umsetzung dieses komplexen Romans für die Bühne fand ich sehr gelungen.“ (Christine Gorny, Bremen Zwei, 3. Oktober 2022)

    „Regisseur Armin Petras hat aus diesem mehr als 1000-Seiten starken, mit vielen Schauplätzen und einer schier unübersichtlichen Anzahl an Figuren versehenen Roman eine dreieinhalbstündige Collage geschnitten, die ein ungemein packender Theaterabend ist, getragen von einem Ensemble in Bestform.“ (Iris Hetscher, Weser-Kurier, 4. Oktober 2022)

    „Hauptdarsteller ist das Bremer Ensemble. Eindrucksvoll entwickelt Alexander Swoboda den Atomphysiker Strum als einerseits verhuschten und andererseits extrem selbstbewussten jüdischen Wissenschaftler […]. Alle werden immer mal wieder sehr wichtig in einer Aufführung, die auf den ersten Blick sehr aus der Zeit gefallen scheint, im zweiten, genaueren Hinschauen aber, wird ein mitreißendes Stück Theater draus.“ (Michael Laages, Deutschlandfunk Kultur, Kultur heute, 3. Oktober 2022)

    „Das ist immer dann schön, wenn das Ensemble die psychologischen Tiefen auslotet, die unter der Last des Krieges hervorbrechen. Tief dringt er in die Körper ein, wenn Viktors Frau Ljudmila (Fania Sorel) immer wieder strauchelt, einknickt, taumelt; er zerreißt die Menschen, wie Ljudmilas Schwester Genia Schaposchnikowa (Karin Enzler), die den glühenden Kommunisten Krymov wegen seiner Gefühllosigkeit verließ und mit Major Nowikow (beide von Robert Kuchenbuch gespielt) ein Verhältnis anfängt, um schließlich doch zu dem derweil inhaftierten Krymov zurückzukehren.“ (Andreas Schnell, nachtkritik, 2. Oktober 2022)

    „Das klug gebaute Stück trifft hier auf ein erstklassiges Bremer Ensemble. Während ganz besonders Alexander Swoboda und Ferdinand Lehmann eine spleenige Leichtigkeit und charmanten Witz an die Moskauer Heimatfront bringen, exerziert Fania Sorel die Einbrüche der Kriegsgräuel am eigenen Körper durch, lässt immer wieder die Beine ihren Dienst versagen, wenn vom toten Sohn die Rede ist.“ (Jan-Paul Koopmann, taz, 7. Oktober 2022)

    „Was ist das nun? Zum Tanzen gebrachte Totalitarismustheorie? […] Klar darf Theater Fragen aufwerfen, ohne Antworten mitzuliefern. Wahrscheinlich muss es das gelegentlich sogar. Nur ist gerade diese Frage weder neu, noch mangelt es unserer ach so postideologischen Gesellschaft an so entschlossenen wie falschen Antworten. Daran macht dieser Abend am Goetheplatz nichts besser oder verständlicher. Der ist ja einfach nur spitzenmäßiges Theater.“ (Jan-Paul Koopmann, Kreiszeitung, 12. Oktober 2022)

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