AD anzubieten ist politisch. Das sage ich aus meiner Perspektive als Künstlerin, Nutzerin von AD, Queer, weiß und als Person, die Macht hinterfragen möchte.
AD ist ein Barrierefreiheitsangebot. Eine Barriere ist etwas, das Menschen behindert. In einer Welt ohne Barrieren bräuchten wir nicht länger die Unterscheidung zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen. Nur auf mich behindernde Barrieren bezogen würde das u. A. bedeuten: Es gibt immer AD, Kontraste sind hoch, das Licht ist hell, es gibt überall Orientierungs- und Leitsysteme, es gibt keine Vorurteile gegen sehbehinderte Menschen, es gibt digitalen Zugang zu jedem Lehrbuch und sonstigen Buch, selbstständig nutzbare Formulare, Audioguides an Bahnhöfen, Zugang zum Kunststudium  usw. Die Liste ist lang!

Ich leide nicht an meiner Behinderung, ich leide an Barrieren

Von diesem Behinderungsbegriff gehe ich aus. Er orientiert sich nicht an zugeschriebenen Defiziten eines Menschen, sondern an Barrieren die wir erfahren. Gesellschaftlich verankert ist aber das defizitorientierte Bild. So werde ich im Smalltalk nach meiner Diagnose statt nach meinen Barrieren gefragt und bemitleidet, weil ich wegen meiner Behinderung das Buch nicht lesen kann. Ich antworte: „Ich kann das Buch nicht lesen, weil es nicht digital zugänglich ist!“

AD ist kein nettes Zusatzangebot, sondern gehört in Grundstrukturen

Kreative AD sollte kein nettes Zusatzangebot sein, dass wohlwollend einem Individuum Zugang verschafft, sondern eine Grundstruktur die sich etablieren muss. Grundstrukturen zu ändern ist immer ein langer und zäher Prozess, in dem von, in unserem Fall, sehbehinderten und blinden Menschen, viel Geduld verlangt wird. Ich als sehbehinderte Person werde immer ungeduldiger bei jeder Show, Performance, Tanzvorstellung, Theaterstück etc., bei der ich als Publikum nicht mitgedacht wurde.

AD bedeutet, auch blinde und sehbehinderte Menschen als Teil des Publikums zu imaginieren

Deshalb gehört zu kreativer AD, wie ich sie hier definiere, dass schon zu Beginn des Produktionsprozesses ein Publikum imaginiert wird, das blind oder sehbehindert ist. Ein Publikum, das mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen höheren Bildungsabschluss hat, da ihm dieser durch unser Schulsystem verwehrt wird, das womöglich wenig Englisch spricht, da Reisen nur selten zugänglich sind. Wir imaginieren ein Publikum, das sich Farben anders vorstellt, das eigene Möglichkeiten entwickelt hat, räumliche Dimensionen zu erfassen, das mit den Ohren zuschaut. Ein Publikum, das gewohnt ist sich an normierte Seherlebnisse anzupassen, sich nicht zu beschweren, zu akzeptieren. Ein Publikum, das tagtäglich Stigmen und Vorurteile kennt und dem wenig zugetraut wird. Das angefasst wird, ohne gefragt zu werden, das bemuttert und bevormundet wird.
Ein Publikum, das die Hierarchie zwischen normativ sehend und nicht-normativ sehend verinnerlicht hat. Eine Hierarchie bringt ein Machtgefälle und Somit ist unser imaginiertes Publikum gewohnt, dass Sehende für sie entscheiden, wo sie im Theater sitzen, was sie vom Buffet essen, neben wem sie auf den Einlass warten, mit wem sie netzwerken und mit wem nicht, was sie beschrieben bekommen und was nicht.
Ein Publikum, das ein Barrierefreiheitsangebot, also Zugang hat und mitgedacht wird, möchte unabhängig sein, selbstbestimmt sein und selbst entscheiden. Es möchte die Wahl haben, wann es ins Theater geht und nicht nur an dem einen Dienstagnachmittag im Rahmen eines inklusiven Festivals.
Es möchte auch die politische Ebene eines Stücks erfassen, selbst in die Performance mitgenommen werden, die Atmosphäre, die Magie, den Spaß, die Trauer. Ein Publikum, das künstlerische Entscheidungen wahrnehmen möchte: Besetzung, Kostüme, Bühnenbild, Stil, Licht, Beziehungen zwischen Spielenden und dem Publikum…
Es möchte nicht unterschätzt und unterfordert werden, es möchte nicht ausgesondert und andersartig behandelt werden. Es möchte, wenn es blinde Chararaktere auf der Bühne gibt, nicht wieder falsch repräsentiert von sehenden Schauspieler*innen gespielt werden. Es möchte sexy, interessant, intelligent, zwiespältig, kurzum komplex und intersektional dargestellt werden.

AD nur mit Expert*innen

Was uns die wenige Praxis die es gibt zeigt, ist, dass AD von Sehenden entwickelt wurde, sie auch heute oft im Alleingang angefertigt wird und hin und wieder sog. Blindenredaktionen ein wenig redigieren dürfen.
Wo es aber schon Expert*innen braucht, und damit meine ich blinde und sehbehinderte Menschen, ist in grundlegenden Entscheidungen. Ist AD in einer Rolle auf der Bühne integriert? Ist AD für alle hörbar und eine Kommentarebene? Ist die Performance ohnehin sehr auditiv und braucht nur an bestimmten Stellen eine Beschreibung? Zerstört die zu detaillierte AD die Atmosphäre für mich? Wird das blinde Publikum unterfordert bei Ansagen wie „Jetzt niest die Performerin“ und dann niest sie, etc.

Politische Ebene von Kunst darf nicht in der AD verschwinden

Genauso müssen Expert*innen involviert werden, wenn es darum geht, Zugang zur politischen Ebene eines Kunstprodukts zu vermitteln. Ich stelle bei AD oft fest, dass die politische Ebene nicht transportiert wird. So werden wichtige sichtbare Merkmale einer Person wie z. B. das Alter, der Umgang mit der eigenen Geschlechtsidentität, Hautfarbe, behinderter Körper, etc. gar nicht erst erwähnt. Und schon ist der Ausschluss aus der politischen Ebene passiert. Hier hören wir öfter, dass Beschreiber*innen fürchten, dass das blinde Publikum diese Ebene nicht verstehen würde und es zu verwirrend wird, wenn eine Person auf der Bühne mit feminin konnotierten Merkmalen beschrieben wird und dann das Pronomen „Er“ auftaucht. In diesem Augenblick findet die Bevormundung statt, von der ich bereits gesprochen habe.
Hier gilt es, mit der Community eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Es ist wahr, dass einige neuere Diskurse in schnelllebigen Medien geführt werden und Begriffe wie „People of Color“ oder „Nicht-Binäre Geschlechter“ sie noch nicht unbedingt erreicht haben. Für kreative AD ist es dann wichtig zu schauen, wo die Expert*innen stehen und welche Begriffe von der AD etabliert werden müssen, um dann letztendlich vollen Zugang schaffen zu können.

Visuellismus

Blinde und sehbehinderte Menschen haben ihre individuellen Wahrnehmungsstile gut entwickelt. Sehenden Menschen sind diese jedoch unbekannt und werden, wie es so oft mit dem ´Unbekannten´ passiert, abgewertet. Diese Abwertung bezeichne ich als Visuellismus und wir finden sie in vielen Bereichen des Lebens. Denken wir nur mal an die vielen Piktogramme, die „Nicht anfassen!“ signalisieren.

Unterschiedliche Wahrnehmungsstile in der Tastführung

Es hat sich diesbezüglich als sehr wertvoll herausgestellt, Tastführungen vor einer AD anzubieten.
Wichtig dafür zu bedenken ist, dass es in Sekundenschnelle passiert, ein Bild zu sehen und den Eindruck zu verarbeiten und abzuspeichern. Über das Hören und Spüren, braucht der Prozess etwas länger und diese Zeit wird oft in den eng getakteten Tastführungen nicht gegeben.
Die unterschiedlichen Wahrnehmungsstile können dann gut bedient werden, wenn unterschiedliche Angebote vorhanden sind. Für die räumliche Orientierung hilft es, den Raum abzulaufen und ihn beschrieben zu bekommen.
Neben der Orientierung im Bühnenraum gilt es auch alle weiteren sichtbaren Elemente zugänglich zu machen.
Die Nutzer*innen von AD haben sehr unterschiedliche Sehreste. Manche sind sehr kurzsichtig, andere haben einen Tunnelblick, andere sehen zum Zentrum des Gesichtsfeldes wenig und in der Peripherie viel. Sie brauchen die Möglichkeit, sich die Objekte nach ihrem Bedürfnis anschauen zu können. Hinzu kommt der haptische Eindruck von Form, Textur, Gewicht und Temperatur. Hier kann ein dreidimensionales Bild entstehen. Dieses Bild wird abgespeichert und wird später, während des beschriebenen Geschehens, hervorgerufen.
Ein anderes Element in der Tastführung ist die Interaktion mit den Performenden. Sie befinden sich auf der Bühne, sind also Teil der visuellen Ebene. Unser imaginiertes Publikum möchte, wie bereits erwähnt, künstlerische Entscheidungen mitbekommen. So ist auch der Cast eine ganz bewusste Entscheidung. Hat sich Choreograf*in oder Regisseur*in z.B. entschieden, ausschließlich mit People of Color zu arbeiten? Sind endlich behinderte oder trans Menschen auf der Bühne?

Selbstbeschreibung

Um das blinde Publikum hier nicht auszuschließen, den Performenden aber auch das Recht zu geben, respektvoll und im politischen Sinne beschrieben zu werden, ist Teil einer Tastführung in einer kreativen AD immer auch die Selbstbeschreibung der Performenden. Die Menschen beschreiben sich selbst und legen damit die Worte fest, die später die Beschreibenden für sie nutzen. Ein kurzes Beispiel dazu aus dem letzten Herbst: Ich habe die Beratung für eine AD des Kollektivs „Criptonite“ in Zürich gemacht, wo eine der Performenden ihren sehr kleinen Fuß in ihrer Selbstbeschreibung als „Füßli“ bezeichnete. Die Beschreiberin konnte sich dann in der AD guten Gewissens auf diese Wortwahl verlassen und auch mir, als Nutzerin war „Füßli“, durch die Tastführung ein Begriff.

Mit Haltung wird AD kreativ

Mit der Grundhaltung, dass Menschen nicht behindert sind, sondern von gesellschaftlich konstruierten Barrieren behindert werden, können bessere Barrierefreiheitsangebote gestaltet werden. Dann bekommen sie eine Selbstverständlichkeit, die ihren Weg in strukturelle Veränderungen schafft. Wird dann noch ein mündiges, sehbehindertes/blindes Publikum imaginiert und ihre Expertise von Beginn an anerkannt, ist schon ein wichtiger Schritt zu kreativen Audiodeskriptionen geschafft.
Dann wird sie nicht trocken, langweilig oder unbrauchbar für die eigentlichen Kund*innen. Wenn sie ein selbstverständlicher Teil von Performances wird, nimmt auch das sehende Publikum sie als interessanten Teil der Kunst wahr und Barrierefreiheit rückt endlich vom Rand der Gesellschaft mehr ins Zentrum von Normen und Mehrheit.

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