„Und plötzlich öffnete sich meine Stimme“
Über Gesang als Kommunikation, Verbindung und Begegnung: Vor der Premiere von Anadolu – Ich singe nicht allein spricht die Dramaturgin Viktorie Knotková mit Sängerin Nihan Devecioǧlu.
Viktorie Knotková: Nihan, du hast einmal gesagt: Gesang war für anatolische Frauen ein Weg, Dinge auszudrücken, für die es keinen Raum gab. Was meinst du damit?
Nihan Devecioǧlu: Frauen hatten oft keinen öffentlichen Ort, um zu sprechen. Aber sie hatten ihre Stimmen und ihre Körper. Gefühle sind nicht verschwunden – sie haben nur ihre Form verändert. Sie sind in Lieder gegangen, in Handarbeit, in Rituale.
Also eine Art stille Sprache?
Ja. Zum Beispiel die Oyalar – diese kleinen Spitzen an Kopftüchern. Sie sind nicht nur schön. Sie erzählen. Man konnte daran erkennen, ob eine Frau verliebt ist, traurig ist oder wartet.
Und das Singen?
Frauen saßen am Fenster, haben gearbeitet und gesungen. Manchmal zusammen. Manchmal für sich. Aber nie wirklich allein.
Warum „nie wirklich allein“?
Weil jede Stimme andere Stimmen in sich trägt. Meine Großmutter hat gesungen. Ihre Mutter auch. Manchmal habe ich das Gefühl, diese Stimmen reichen noch weiter zurück – wie eine sehr alte weibliche Erinnerung. Diese Stimmen verschwinden nicht. Sie gehen durch dich weiter.
Auch auf der Bühne stehst du nicht allein – neben dir sind der Multi-Instrumentalist Deniz Mahir Kartal und die Schauspielerinnen Emma Floßmann und Mathilda Maack. Was passiert zwischen euch?
Mahir bringt eine ganz eigene Haltung mit. Für ihn ist Musik ein Raum, in dem Freiheit, Widerstand und Verantwortung zusammenkommen. Das spürt man. Und Mathilda und Emma tragen meine Geschichten mit mir – Geschichten, die für mich sehr persönlich sind. Ich stehe auf der Bühne und bin sehr offen. Und dann passiert etwas sehr Besonderes: Die anderen halten dich mit.
Hast du ein Beispiel aus dem Stück?
Ja. Ich besuche meine Großmutter ein letztes Mal. Ich sitze mit ihr im Hayat – im „Leben“. In unserem Dorf nennt man das Wohnzimmer Hayat. Die Großmutter wirkt ganz leicht, fast wie ein Kind, wie eine Sonne. Als hätte sie allem vergeben. Ein kleines, weißes Schaf ist im Raum. Es hüpft herum. Meine Großmutter erkennt mich nicht mehr. Aber sie lächelt. Und sie erinnert sich an Lieder. Und dann singen wir zusammen. Diese Szene ist für mich sehr nah. Und es ist wundervoll, dass ich sie nicht allein erzählen muss.
Fühlst du dich auf der Bühne manchmal unsicher?
Unsicherheit gehört zum Singen dazu.
In Anadolu erzählst du auch, wie du nach Salzburg gegangen bist, um am Mozarteum zu studieren. Niemand aus deiner Familie wusste, dass du Gesang studierst.
Ich hatte nicht den Mut, es zu sagen. Zwei Jahre lang hatte ich nur Heimweh. Und Druck.
Ich musste klassische Arien perfekt singen. Alles wurde eng. Und meine eigene Stimme war plötzlich nicht mehr da. Ich habe mich wirklich gefragt: Darf ich überhaupt singen? Darf ich auf einer Bühne stehen? Darf ich ‚ich‘ sein? In meiner Familie war niemand Sängerin. Niemand war auf einer Bühne. Es fühlte sich an, als wäre das nicht mein Platz. Ich wollte aufgeben. Ich habe meine Sachen gepackt und wollte einfach zurück nach Istanbul.
Was ist passiert?
Als ich zurück nach Istanbul wollte, sagte mir meine Lehrerin in Salzburg, ich sollte doch mal ein Lied aus meiner Kindheit singen, aus Anatolien. Etwas Altes, etwas, an das ich mich noch erinnere … Ich erinnerte mich an Hochzeiten, wo ich als Kind immer war, an Frauen, mit denen ich singen konnte, als hätte ich die Lieder schon immer gekannt. Eins dieser Lieder sang ich im Unterricht. Und plötzlich öffnete sich meine Stimme. Ich fühlte mich frei. Diese Lieder haben mir geholfen, meinen eigenen Klang zu finden. Auf einmal war Singen mehr als Singen. Auf einmal war alles wieder möglich. Und diese Lieder wandern seitdem mit mir, egal wo ich bin.
Emma und Mathilda geben diesen Erinnerungen eine Form.
Sie erzählen die Geschichten mit einer Ehrlichkeit und Zartheit, die mich jedes Mal berührt. Wenn ich sie höre, muss ich oft sofort weinen. Weil es so wahr ist. Und gerade diese Zartheit macht es stark.
Was bedeutet dann der Titel Ich singe nicht allein?
Dass es nicht um mich geht. Ich bringe eine Geschichte mit. Viele Geschichten. Und viele Sprachen. Und das Publikum wird Teil davon.
Also kein Solo?
Genau. Eher eine Begegnung. Ein Raum, in dem niemand allein singt.
Veröffentlicht am 22. April 2026.