„Hier konnte ich wachsen, wurde gefördert und gefordert“
Nadine Lehner wird vom Bremer Senat der Ehrentitel Kammersängerin verliehen. Über Theaterfamilie, herausfordernde Partien und Selbstfürsorge: ein Gespräch mit der Leitenden Dramaturgin im Musiktheater Frederike Krüger.
Das erste Mal erlebt – weil „gesehen“ und „gehört“ schlicht nicht reichen als Beschreibungen – habe ich Nadine Lehner als Lady Macbeth von Mzensk in der gleichnamigen Oper von Schostakowitsch. Das war 2017 am Theater Bremen, als Regisseur Armin Petras und Dirigent Yoel Gamzou das 1936 uraufgeführte und anschließend von Stalin und seinem Regime von den sowjetischen Bühnen verbannte Stück, auf seine kühne Radikalität zwischen Gesellschaftskritik, Punk und (Opern-)Protz kondensierten. Aus einem vollgestopften Zimmer, zwischen Schneelandschaft auf Video und flackerndem Feuer vor sich, strahlte sie. Nicht wie ein kleiner Stern, sondern wie ein Einschlag, ein bisschen kometenhaft vielleicht sogar: Nadine Lehner.
Kompromisslos und radikal warf sie sich rein, in diesen Abend, der genau das von ihr verlangte.
Dieses Erlebnis veränderte meinen Blick auf Oper, auf das, was (Musik-)Theater sein und wollen kann. Sechs Jahre später trafen wir uns wieder in Bremen, Nadine Lehner in der Partie der Komponistin in Ariadne auf Naxos, ich nun als Dramaturgin meiner ersten Produktion am Theater Bremen. Wieder war es ein Erlebnis. Neugierig, wenn nicht gar wissenshungrig, immer voll dabei, immer auf der Suche nach den Grenzen des Spiels, der Belastbarkeit …
Nun wird Nadine Lehner Kammersängerin.
Seit 2004 ist die gebürtige Fränkin festes Ensemblemitglied am Theater Bremen, ihre Liste von Rollen ist lang: Marzelline (Fidelio), Micaëla (Carmen), Mélisande (Pelléas et Mélisande), Amanda in György Ligetis Le Grand Macabre, Pamina (Die Zauberflöte) sowie Ilia (Idomeneo), Agathe (Der Freischütz), Anna Karenina, Marie in Wozzeck, Charlotte in Werther, Kundry in Parsifal, für deren Interpretation sie 2017 für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST nominiert war. 2010 erhielt sie den Kurt-Hübner-Preis der Bremer Theaterfreunde für ihre Darstellung der Tatjana in Tschaikowskys Eugen Onegin und Zerlina in Don Giovanni. Es folgten noch Marietta (Die tote Stadt), Marschallin (Der Rosenkavalier), Eboli (Don Carlo), der Soloabend mit Poulencs Die menschliche Stimme. Zuletzt war sie u. a. als Kitty Oppenheimer in Doctor Atomic, als Ortrud in Wagners Lohengrin, in der Uraufführung von Elmar Lampsons Wellen als Doralice zu erleben und gerade spielt, singt, wütet sie als Renata in Prokofjews Der feurige Engel über die Bühne am Goetheplatz.
Ob sie auf den Titel „Kammersängerin“ gewartet hat?
„Als Carmen Emigholz mich anrief, war ich gerade mit meiner Familie zusammen“, sagt Nadine Lehner „Die Nachricht kam völlig überraschend.“ Und was bedeutet ihr die Auszeichnung? „Als ich ins Ensemble des Theater Bremen kam, war das noch die Ära der Kammersängerinnen und Kammersänger: Karsten Küsters, Katherine Stone, Eva Gilhofer, Loren Lang … Ich habe sie alle bewundert, für ihre besondere Ausstrahlung, für ihre Art zu arbeiten und ihre Professionalität. Aber auch dafür, wie sie sich um uns junge Sängerinnen und Sänger gekümmert haben, wie wichtig ihnen das Ensemble war. Vielleicht freue ich mich deswegen auch so über diese Auszeichnung. Weil sie nicht nur ein singuläres Erlebnis oder eine einzelne Person ehrt, sondern ein Selbstverständnis als Kunstschaffende auszeichnet, zumindest für mich. Ich möchte etwas von dem, was ich von diesen besonderen Menschen gelernt habe, auch weitergeben.“ Was bedeutet es dir, so lange schon Teil eines Ensembles zu sein, frage ich sie.
„Bremen war für mich ein wirklich glücklicher Zufall.“
„Ich studierte noch an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und konnte währenddessen einige kleine Partien an der Staatsoper Unter den Linden Berlin übernehmen, als ich die Anfrage bekam, in Bremen vorzusingen. Als ich aus dem Bahnhof ging, fand ich die Stadt erstmal schrecklich. (Mein Weg ging damals aber auch nur vom Bahnhof zum Musical-Theater, wo das Vorsingen war, und wieder zurück). Das Vorsingen lief gut, ich wurde sofort engagiert und blieb hier.“ Was hat dich in Bremen gehalten? „Ich bin so gerne Teil dieser Theaterfamilie hier. Hier konnte ich wachsen, wurde gefördert und gefordert. Ich konnte so viele unterschiedliche Partien singen und mich immer weiterentwickeln, weil ich mich sicher fühlen konnte. Für Partien wie Kundry oder Lady Macbeth, Ortrud oder jetzt auch Renata im Feurigen Engel brauche ich dieses Vertrauen, das ich in meine Kolleg:innen habe und sie auch in mich. Hier ist mein Safespace. Diese Sicherheit macht mich unheimlich frei.“ Diese Freiheit in der Interpretation deiner Rollen nimmst du dir, szenisch und musikalisch, so erlebe ich zumindest deine Arbeit.
„Ich hatte nie die klassische Belcanto-Stimme, sondern schon immer eher die einer Charaktersängerin.“
Überlegt Nadine Lehner: „Aber genau das interessiert mich auch. Es ist nicht allein die Schönheit der Figuren, die ich zum Leben erwecke, sondern ich möchte die ganze Mehrdimensionalität ihrer Charaktere zum Ausdruck zu bringen. Mich interessiert das Extreme, die Abgründe, das Unvorhersehbare. Ich will mit verschiedenen Farben singen, mit meinem Spiel das ausdrücken, was die Musik erzählt. Für mich ist Musiktheater Schauspiel mit Musik, weil mich nicht die musikalische Perfektion reizt, sondern die Gesamtdarstellung. Ich will keine heiligen Frauen spielen, sondern ihre Ecken und Kanten zeigen, weil sie genau das menschlich und damit spannend macht. Gleichzeitig lässt uns die Musik etwas fühlen, indem sie Emotionen bis ins Äußerste treibt. Das erleben wir an kaum einem anderen Ort so wie in der Oper.“ Musik hat in ihrem Leben schon immer einen sehr hohen Stellenwert: „Meine Eltern waren beide keine Musiker, aber sie förderten die musikalischen Talente ihrer Kinder. Ich selbst habe mit Geige angefangen, gesungen habe ich aber schon immer. Egal wo, ob beim Skifahren oder Spazierengehen, in der Schule oder am Esstisch. Ich war auch schon immer selbstbewusst im Singen, immer laut, immer nach vorn.“ Selbstbewusstsein braucht es in diesem Beruf auch. Der Grat zwischen dir als Künstlerin und als Mensch, als Privatperson, ist sehr schmal, denke ich:
Was braucht es da, um gesund zu bleiben?
„Auch ich hatte schon Krisen, mal eine Erkältung, die nicht richtig auskuriert war und man hat trotzdem immer weiter gesungen, oder auch Partien, die nicht hundert Prozent für meine Stimme gepasst haben. Aber der Rückhalt, den ich hier im Haus gespürt habe, auch die Unterstützung meiner Gesangslehrerin, meiner Familie, der Austausch mit meinen Kolleg:innen sind für mich ganz wesentlich, um den Beruf gut machen zu können. Dabei ist auch Selbstfürsorge ein großes Thema. Ich kann mich gut um mich selbst kümmern. Das würde ich auch jungen Sänger:innen raten: Finde heraus, was dir guttut.“ Gibt es noch mehr, was du weitergeben würdest?
„Schmeiß dich rein, in jede Rolle. Sei authentisch, neugierig und offen. Und bleib dabei immer positiv.“
Gibt es Momente auf der Bühne, die dich als Sängerin besonders geprägt haben? „Als ich 2009 Tatjana in Eugen Onegin sang, gab es nach der Briefszene minutenlangen Applaus. Das war sehr besonders für mich und hat mich sehr berührt.“ Ist das größte Lob der Applaus? „Positive Reaktionen freuen mich immer. Und zu merken, wenn das Publikum mit Spannung und vielleicht auch Begeisterung dabei ist, ist definitiv ein großes Lob und mir sehr wichtig. Über die Zeit musste ich mir aber auch einen guten Umgang mit Kritik und Rückmeldungen aneignen.“ Die Bewertung von außen ist dem Beruf der Sängerin quasi immanent. „Ja, dafür machen wir ja auch Kunst. Um Menschen zu erreichen. Früher war es nur so, dass ich eine negative Kritik wie unter einem Mikroskop gesehen habe und alle anderen, positiven Stimmen kaum mehr wahrnehmen konnte. Heute ist das anders. Ich versuche jetzt, viel mehr bei mir zu bleiben und mich nicht mehr so sehr mitreißen zu lassen – in den Überschwang oder auch in den Abgrund“.
Nun wirst du aber zur Kammersängerin ernannt, heißt das nicht irgendwie schon so etwas wie „Ich habe es geschafft“?
„Nach der Premiere vom Feurigen Engel habe ich gedacht: ‚Jetzt habe ich es geschafft‘. Zumindest für den Moment. Die Rolle ist eine extreme Herausforderung, musikalisch, spielerisch, mental. Auch während der szenischen Probenzeit habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich den Abend schaffen werde. Die Rolle verlangt mir wirklich alles ab. Als ich bei der Premiere den letzten Ton gesungen habe, da wusste ich: Jetzt kann mir nichts mehr passieren. In dem Moment wusste ich, dass sich die ganze Arbeit ausgezahlt hat. Ich habe maximal alles gegeben. Das ist eine innere Bestätigung, die wir uns nur selbst geben können.“
Veröffentlicht am 16. Dezember 2026.