Neu im Ensemble: Manolo Bertling
Weil sein Vater einen Zirkus leitete, wuchs er mit der Bühne auf: Manolo Bertling studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, gehörte zu den Ensembles des Centraltheater Leipzig, des Schauspiel Stuttgart, des Staatstheaters Cottbus, der Volksbühne Berlin und jetzt ist er fest in Bremen. Diana König, Leiterin der Pressestelle, hat ihn getroffen.
Diana König: Manolo, in Bremen bist du ja kein Unbekannter, du hast hier schon ein paar Mal bei Inszenierungen von Armin Petras und Alize Zandwijk als Gast auf der Bühne gestanden. Deinen Einstand als festes Ensemblemitglied gibst du mit einer Uraufführung Der Zauberer von ÖZ – Eine Fußballtragödie. Das Stück von Akın Emanuel Şipal beschäftigt sich mit Mesut Özil. Spielt Fußball in deinem Leben eine Rolle?
Manolo Bertling: Eine sehr große Rolle. Fußball, würde ich sagen, ist ein Teil meiner Identität und Teil meiner Integration. Meine ältesten und besten Freunde, die ich gefunden habe, als ich als kleines Kind nach Deutschland gekommen bin, kamen dadurch, dass sie mich mit ins Stadion genommen haben. Ich würde jetzt gern sagen, dass wir bei Werder Bremen waren – waren wir aber nicht. Ich habe damals in Hessen gewohnt, in der Nähe von Wiesbaden und wir waren in Frankfurt im Stadion. Die Freunde, mit denen ich da regelmäßig war, sind zu meiner Wahlfamilie geworden. Ich hatte als Kind nicht so eine richtige Heimat, ich bin in Italien geboren, mit meinem Vater nach Deutschland gekommen, viel gereist … für mich ging es beim Besuch im Stadion, beim Fußball auch darum, sich zugehörig zu fühlen.
Spielst du selbst auch Fußball?
Früher mal, heute nicht mehr. Den Hauptteil meiner Fitness braucht das Theater, das kann ich nicht riskieren …
Hast du dich vor der Produktion Der Zauberer von Öz schon mit Mesut Özil beschäftigt?
Auch bei Mesut Özil geht es ja darum, Fußball als Wahlheimat zu sehen, Zugehörigkeit zu finden. Im Stück, das wir spielen, wird die Geschichte von Mesut Özil von so vielen unterschiedlichen Standpunkten beleuchtet und es ist nicht so einfach, das auf eine Schwarz-Weiß-Rechnung runterzubrechen. Ich glaube, Mesut Özil hatte im Fußball eine Heimat gefunden und die ist ihm abhandengekommen durch die Medien, durch den Erfolg … Dieses gute Gefühl, zugehörig zu sein, ist einfach irgendwann weggebrochen, weil viele Ansprüche, die an einen Menschen mit Migrationshintergrund gestellt werden, nicht zu erfüllen sind. Einer der prägnantesten Sätze, die Özil selbst gesagt hat, ist: „Wir sind Deutsche, weil wir erfolgreich sind – wenn wir nicht erfolgreich sind, dann sind wir auf einmal wieder Menschen mit Migrationshintergrund“. Da kann ich gut anknüpfen: Du sollst dich immer richtig verhalten, nicht zu sehr aufmucken: Du weißt nicht genau, wer du sein sollst, aber du sollst auf jeden Fall den Ansprüchen genügen. Besonders schwierig in einem Land, das nach meinem Empfinden, sehr auf der Suche nach einer eigenen Identität ist.
Fußball und Theater haben schon ein paar Gemeinsamkeiten, würde ich sagen: Der Vorhang muss auf gehen, der Ball muss rollen … alles passiert auf dem Platz/der Bühne. Man kann was verpassen und sollte besser nie vorm Ende gehen. Empfindest du das auch so, dass die beiden ganz gut zusammenpassen?
Ich habe jetzt neulich einen schönen Vergleich gelesen. Beim Fußball ist der Ball rund, das heißt, dass es in alle Richtungen gehen kann – es ist also alles möglich, es ist eine Utopie der Verwirklichung von Träumen. Das ist im Theater auch so.
Du bist auf Sizilien geboren und dein Vater leitete einen Zirkus. Magst du ein bisschen was über deine Kindheit verraten?
Gern. Der Zirkus war das Gegenstück zu Roncalli – der war in den 1980ern der große Tier- und Attraktionszirkus. Mein Vater hat Varieté gemacht, es gab eine Punkband, aber keine Tiere, dafür aber politische Sketche. Sie haben ganz klein angefangen mit einem Wohnwagen, Straßentheater und schlechter Jonglage. Der Zirkus ist dann immer größer geworden. Sobald ich laufen konnte, bin ich auf die Bühne gerannt. In der Pause habe ich Unterhaltungssachen ins Mikro geplärrt und nach der Vorstellung musste mein Vater mich im Zuschauerraum suchen oder ich bin in der Requisitenkiste eingeschlafen. Ende der 80er Jahre löste sich der Zirkus dann auf.
Bühnen hat es also in deinem Leben schon immer gegeben.
Der Spektakelcharakter ist in meinem Spiel dringeblieben: Ich habe irgendwie keine Lust, so zu tun, als wäre das Publikum nicht da, ich spreche es gern an. Ich mag die Vierte Wand nicht, auch wenn ich weiß, dass sie manchmal nötig ist, aber das Zirkusdirektorgen ist dageblieben. Ansonsten kann ich jetzt aber keine Zaubertricks, keine Tricks mit Tieren oder so ...
Du hast im Maxim Gorki Theater gespielt, im Centraltheater Leipzig, am Schauspiel Stuttgart, an der Volksbühne Berlin, am Staatstheater Cottbus, am Deutschen Theater Berlin und hier in Bremen warst du auch schon als Gast. Wenn du jetzt auf deine Zeit hier in Bremen schaust, was erhoffst du dir dafür?
Gerade im Vergleich zu der Zeit, in der ich hier als Gast war: Ein bisschen mehr Fuß fassen als Ensemblemitglied, das nachhaltig etwas aufbauen möchte. Es geht mir darum, ein bisschen aufzurütteln, ein bisschen zu provozieren. Ich habe in Bremen oft das Gefühl, dass alles sehr zufrieden ist und da frage ich mich immer, worüber noch nicht geredet wurde: Was kann Bremen noch außer so weiter machen, wie es bisher war?

Veröffentlicht am 9. Oktober 2025.