Ein Raum für ein Requiem
Warum es konsequent ist, eine zerstörte Welt in den Werkstätten nicht neu herzustellen: Über Übergänge und Hoffnungen kurz vor der Premiere von War Requiem, ein Text von Dramaturgin Brigitte Heusinger.
Haben Sie Lohengrin gesehen? Wenn nicht, ist das völlig ok. Aber wenn ja, wird Ihnen beim Besuch des War Requiem etwas bekannt vorkommen. Sie sehen einen Raum – von dem Bühnenbildner Harald Thor entworfen – der ein Parlament, ein Forum sein könnte. Sie sehen einen Raum, in dem Zerstörung gewütet hat, der demontiert ist – eine dystopische Welt, in der Verunsicherung, Haltlosigkeit, Verzweiflung herrschen. Es ist der finale Raum der Lohengrin-Inszenierung von Frank Hilbrich aus der Spielzeit 2024/25. Aus diesem Raum hat er sich entfernt, der frenetisch gefeierte Held. Einst hoffnungsvoll per Schwan eingerückt, hat Lohengrin das Volk verlassen, das jetzt völlig überfordert, führungslos ist und statt zu einem kollektiven Wir zu finden, in Vereinzelung, Verzweiflung und Streit gerät.
Der Krieg naht. Der Krieg ist da.
Er ist das Thema des War Requiem, das Benjamin Britten 1962 anlässlich des Wiederaufbaus der Kathedrale in Coventry schreibt. Nur der Glockenturm stand noch, die Uhr schlug wie gewohnt die Stunden, nach der „Operation Mondscheinsonate“ am 14. November 1941. Die deutsche Luftwaffe hatte die britische Stadt Coventry dem Erdboden gleichgemacht und ein neues Wort fand Eingang in die deutsche Sprache: „coventrieren“, das Ausradieren ganzer Städte durch flächendeckendes Bombardement. Erstmals in der Geschichte wurden nicht nur Stätten der Kriegsproduktion, militärische Ziele oder gegnerische Truppen angegriffen, sondern zivile Ziele und Zivilisten,– ein Tabubruch, der bis heute nachwirkt. Das ist die Welt, in der Frank Hilbrichs vorerst letzte Inszenierung am Theater Bremen beginnt. Brittens gewaltige Komposition für Orchester, Chor, drei Gesangssolist:innen und Orgel ist für die Kirche, für den Konzertsaal geschrieben.
Und doch so sprechend, so dramatisch, so emotional, plastisch, dass Bilder sich aufdrängen.
Kein Handlungsstück wird hier gezeigt. Brittens Totenmesse wird vielmehr zum szenischen Bilderbogen, einem Bilderbogen, in dem der liturgische Text auf die drastischen Antikriegstexte des im Ersten Weltkrieg gefallenen Dichters Wilfred Owen trifft. Doch immer wieder schimmert die Hoffnung durch, Licht ist am Horizont, wenn der Kinderchor die Stimme erhebt, wenn auf der letzten Silbe des Amen oder Kyrie Eleison beruhigender Wohlklang aufblitzt. Diese Gegenbewegung vom Krieg zum Frieden, von der Verzweiflung zur Hoffnung ist die Umkehrung der Lohengrin-Geschichte. Lange hatten wir alle geglaubt (wenigstens auf der seligen Insel Europa und dabei schon damals den Jugoslawien-Krieg übersehend), die Geschichte würde ein Fortschritt zum Guten sein, Pazifismus würde Staatsräson. Weit gefehlt. Und so schlich sich Realismus und ein Zitat von Samuel Beckett als Motto ins Inszenierungskonzept: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Wenn Theater für Botschaften verantwortlich wäre, wenn es sie geben könnte, geben sollte, dann würde die Aufforderung lauten: Lasst uns immer wieder aufstehen, uns nicht unterkriegen lassen in dem Wunsch nach Frieden, selbst wenn es eine Sisyphosaufgabe ist!
Jenseits der Vernetzung von Inszenierungskonzepten gab es jedoch einen weiteren Anlass zur Zweitverwertung des leicht modifizierten Bühnenbildes: das liebe Geld.
Die Mittel werden knapper, Sparmaßnahmen und Umschichtungen innerhalb unseres Hauses sind gefragt und erforderlich. Und so ist es doch viel besser, fand Regisseur Frank Hilbrich, der ja auch Verantwortung für die Sparte und den Etat des Musiktheaters trägt, auf eine völlig neue Bühne für das Requiem zu verzichten und auch die Kostüme von Tanja Hofmann zum Teil wiederzuverwerten. „Man muss so nicht die Etats aller anderen Neuproduktionen der Spielzeit reduzieren, sondern spart gezielt bei dieser einen Produktion. Zumal es auch viel konsequenter ist, eine zerstörte Welt auf der Bühne nicht neu in den Werkstätten zu herstellen zu lassen, sondern dafür einen vorhanden Raum zu benutzen“, so Regisseur Frank Hilbrich. Gerade, wenn er sich inhaltlich so passend anschließt: „Bei Lohengrin diente das Bild, den Einzug des Kriegs in die Welt zu beschreiben, hier ist es der behutsame Versuch, aus dem Krieg herauszufinden“.
So hoffen wir auf einen gelungen Synergieeffekt zwischen Kunst und Kohle
Vor allem ist die Wiederverwertung der Bühne auch nachhaltig! Das sieht auch Bühnenbildner Harald Thor so: „Da ich mich schon seit längerer Zeit dafür einsetze, auch im Bühnenbau ökologisch sinnvoll mit unseren Ressourcen umzugehen, war ich von Franks Idee, den Lohengrin-Raum mit wenigen Modifikationen für unsere War Requiem-Produktion zu verwenden, sofort begeistert. Zu dem wichtigen Argument der Nachhaltigkeit kommt zudem noch die sehr gute Akustik des Raums.“
Veröffentlicht am 18. März 2026.