This is a Man’s World
Warum bei Hamlet nur Männer auf der Bühne stehen? Dramaturgin Marianne Seidler über das, was deutlich wird, wenn’s anders ist.
Theater ist ein Ort, an dem Intuition ein stark ausgeprägtes Mittel für die Arbeit ist und sein darf. Viele dieser intuitiven Entscheidungen sind Wagnisse, einige kann man erst im Verlauf des künstlerischen Prozesses verstehen, andere verlangen jedoch schon früh nach einer Erklärung um ihr Potenzial für den künstlerischen Prozess offen zu legen und werden auch von außen hinterfragt. Keine Frage wurde mir in der Vorbereitung und im Verlauf der Produktion so häufig gestellt, wie die nach der Besetzung: Eine reine Männerbesetzung von Hamlet wirkt auf den ersten Blick wie ein historischer Rückgriff – schließlich standen zu Shakespeares Zeiten tatsächlich nur Männer auf der Bühne. Doch heute ist eine solche Entscheidung keine Rekonstruktion, sondern ein bewusster ästhetischer Eingriff.
Und hierbei folgte Alize Zandwijk und ihr künstlerisches Team deutlich der Intuition und dem ersten Gefühl, das beim Lesen entstand. It is a Man's World.
Die Frauenfiguren Ophelia und Gertrude sind in ihrem Sprechanteilen deutlich eingeschränkt. Ihre Stimmen erscheinen fragmentiert und oft vermittelt durch die Perspektiven der Männer. Ophelia ist Tochter, Geliebte, Projektionsfläche; Gertrude ist Mutter und Königin, deren Innenleben weitgehend im Dunkeln bleibt. Eine All-Male-Besetzung verstärkt diese strukturelle Abwesenheit paradoxerweise: Wenn Männer diese Rollen spielen, wird sichtbar, dass Weiblichkeit hier ohnehin schon ein Konstrukt ist – eine Zuschreibung, die von männlichen Figuren entworfen und kontrolliert wird. Hier knüpft die feministische Shakespeare-Forschung an, insbesondere die Arbeiten von Janet Adelman. Adelman beschreibt in ihren Analysen, dass Hamlet von einer tiefen Angst vor weiblicher Körperlichkeit und mütterlicher Macht durchzogen ist. Die Figur der Gertrude steht im Zentrum dieser Ambivalenz: Sie ist zugleich begehrt und verurteilt, Ursprung von Leben und Auslöser von Hamlets Krise.
In einer Inszenierung, in der Gertrude von einem Mann verkörpert wird, kann genau diese Angst eine neue Sichtbarkeit gewinnen.
Der weibliche Körper verschwindet – und mit ihm die Projektionsfläche für Hamlets Obsession. Übrig bleibt ein Begehren, das sich als rein diskursive Konstruktion entlarvt. Auch Ophelias „Wahnsinn“ erhält in diesem Kontext eine andere Qualität. Ihre berühmten, bruchstückhaften Lieder und Reden erscheinen im besten Fall nicht mehr als Ausdruck „weiblicher Hysterie“, sondern als Symptom einer Sprache, die ihr nie wirklich gehört hat. Wenn ein männlicher Körper diese Zersplitterung spricht, tritt die Gewalt der Zuschreibungen deutlicher hervor: Ophelia ist weniger Figur als Effekt eines Systems, das weibliche Subjektivität gar nicht vollständig zulässt. In unseren Proben wurde immer sichtbarer, dass Shakespeares Frauenfiguren oft als Spiegel männlicher Identitätskrisen fungieren. In einer All-Male-Besetzung wird dieser Spiegel buchstäblich:
Männer schauen auf Männer, begehren, verurteilen und kontrollieren sich gegenseitig – nur unter dem Zeichen „weiblicher“ Rollen.
Dennoch bleibt diese intuitive Entscheidung ein Risiko: Sie könnte – wenn sie unreflektiert bleibt – die ohnehin geringe Präsenz weiblicher Stimmen weiter auslöschen. Entscheidend ist daher, ob die Inszenierung die Leerstelle sichtbar macht oder sie einfach reproduziert. Dieser Herausforderung stellt sich das Team und dabei hat jede:r eine eigene Lesart der Besetzung. Für manche ist dieses düstere Helsingör ein Ort der Männer und der Männlichkeit, andere fänden es undenkbar, die mit wenig Sprache und Bewegungsspielraum ausgestatteten Frauenfiguren einer weiblichen Schauspielerin zu überlassen, für manche macht die Besetzung Geschlecht als theatrale Konstruktion lesbar und für andere ändern sich die Assoziationsräume gänzlich. So verstanden wird eine All-Male-Besetzung nicht zum nostalgischen Effekt, sondern zum kritischen Werkzeug. Sie zeigt, dass Hamlet neben dem Drama über universelle menschliche Konflikte auch ein Stück ist, dass, tief in patriarchalen Denkstrukturen verankert ist. Indem Männer auch die Frauen spielen, wird diese Struktur nicht aufgehoben – aber sie wird sichtbar gemacht. Im besten Fall eröffnen sich mit dieser intuitiven künstlerischen Entscheidung neue Sichtweisen.
Veröffentlicht am 29. April 2026.