Stefan Bläske: „Die Zukunft ist grün, oder sie ist nicht.“ Immer mehr Menschen, auch Regierungen, sehen das so. Es braucht eine sogenannte „sozial-ökologische Transformation“. Aber schon das Wort ist eine Herausforderung. Was ist gemeint?

Larissa Gumgowski: Sozial-ökologische Transformation bedeutet, die Wirtschaft so umzubauen, dass wir die planetaren Grenzen einhalten und dass wir dies auf eine sozial verträgliche Art und Weise tun. Also so, dass niemand abgehängt wird. Der Begriff führt uns, finde ich, noch einmal vor Augen, dass wir als Gesellschaft beim nachhaltigen Umbau der Wirtschaft sowohl die ökologische Nachhaltigkeit als auch die soziale Gerechtigkeit mitdenken müssen.

Unsere Veranstaltungsreihe zu diesem Thema heißt OIKOS. Damit ist kein griechischer Joghurt gemeint, sondern was?

Henning Bleyl: Oikos-Joghurt klingt doch gar nicht schlecht, ein ökonomisch und ökologisch sinnvolles Produkt aus Pflanzenmilch … „Oikos“ ist jedenfalls die gemeinsame Wortwurzel von Ökonomie und Ökologie. Die alten Griech:innen bezeichneten damit eine Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft. Der Sinn unserer Oikos-Reihe ist es, zu fragen, wie Ökologie und Ökonomie wieder in eine tragfähige Balance gebracht werden können, zum Beispiel mit linksdrehenden Bakterien … Covid19 hat uns ja gezeigt, dass die Organisation unserer Gesellschaft eben nicht dem TINA-Prinzip unterworfen ist: „There Is No Alternative“. Sondern dass überraschend viel Geld investiert werden kann, wenn es nur als notwendig erachtet wird. Und es ist notwendig.

Die ersten Veranstaltungen drehten sich um „Das Meer“ und „Der Wald“ (passend zu unseren Inszenierungen „Moby Dick oder Der Wal“ und „Ronja Räubertochter“). Große Themen, beeindruckende Ökosysteme. Was habt ihr daraus mitgenommen?

Larissa Gumgowski: Vom Meer bleibt für mich ein Stück Manganknolle, das seitdem gut sichtbar auf meinem Schreibtisch liegt. Ein Mitbringsel der Tiefseeforscherin, die wir zu Gast hatten. Diese Knollen liegen extrem tief im Meer und sind der Grund, warum zur Zeit der Tiefseebergbau erforscht wird – um mit schwerem Gerät an die Rohstoffe in 4.000 bis 6.000 Metern Tiefe zu kommen!

Henning Bleyl: Ein Reiz der Reihe liegt für mich darin, dass wir diesen explizit makroperspektivischen Ansatz haben, uns also die großen Ökosysteme und deren wirtschaftliche Übernutzungen anschauen und dabei systemische Fragen nach Wachstumsdruck und Wohlstandserwartung stellen – aber das mit Hilfe von Wissenschaftler:innen, die sehr konkret und dicht an der jeweiligen Materie dran sind. So wie die Mikrobiologin, die gerade den Bakterienbesatz auf ihren ökonomisch so attraktiven Manganknollen gezählt hat, als wir sie zum ersten Mal anriefen. Aber auch die Tiefseeforschung muss mit schwierigen Ambivalenzen umgehen: Ihre Arbeit zeigt die ökologische Relevanz dieser unzugänglichen Meeres-Areale, aber erleichtert zugleich deren ökonomische Nutzung.

Larissa Gumgowski: Beim Wald wird mit definitiv in Erinnerung bleiben, dass auch private Waldbesitzer:innen eine große Verantwortung für nachhaltige Waldwirtschaft haben. Wir hatten nämlich den Leiter der Niedersächsischen Landesforsten zu Gast und ich war überrascht, dass weniger als die Hälfte des niedersächsischen Waldes tatsächlich in Landesbesitz ist. Der Rest gehört Privatpersonen. Außerdem schaue ich seitdem kritischer auf „nachhaltige“ Papier- und Holzprodukte, die ja oft als nachhaltige Alternativen zu Plastik angeboten werden.

Bei der Veranstaltung über „Die Arten“ hat die Ururenkelin von Charles Darwin, Dr. Sarah Darwin, berichtet, wie man Artenvielfalt bewahren kann. Auf die Frage, was man selber tun kann, sagte sie: Zum Beispiel vegetarisch leben. Weil massenhafte Fleischproduktion die Ökosysteme zerstört. Wie seht ihr das Verhältnis von großer Politik und individueller Verantwortung?

Henning Bleyl: Beides ist erforderlich, aber man muss auch Transparenz herstellen über die Versuche, einseitig die individuelle Verantwortung in den Vordergrund zu stellen. Ein prägnantes Beispiel dafür sind Kampagnen der Ölkonzerne, die vom eigenen ökologischen Impact ablenken sollen. BP – British Petroleum, das seit geraumer Zeit mit einem Sonnenrad-Logo „beyond petroleum“ firmiert – hat einen immensen Aufwand betrieben, um die individuellen CO2-Rechner populär zu machen. Die Lesart soll sein: Wir als Ölkonzern sind lediglich für eine einigermaßen „saubere“ Förderung und Bereitstellung des Energieträgers verantwortlich – und alles, was aus dem Gebrauch unseres Produkts folgt, ist Sache der Verbrauchenden. Im Prinzip ist das die Haltung einer Waffenfabrikantin, die nichts von Toten wissen will. Am Veranstaltungs-Setting mit Sarah als familiärer und beruflicher Nachfahrin von Darwin fand ich die zeitliche Dimension frappierend: Man diskutiert mit einer Botanikerin über den dramatischen Schwund der Arten, deren evolutionäre Entwicklung erst seit den Forschungen ihres Ururgroßvaters bekannt sind: Es liegen nur vier Generationen zwischen Entdeckung und Zerstörung. 

Bei den nächsten Terminen geht es um den Sand und um das Moor. Klingt nicht sehr spektakulär?

Henning Bleyl: Laut FAZ sind Moore unsere „Hoffnungsträger im Klimakampf“, und in der Tat absorbieren sie sechsmal so viel Kohlendioxid wie Wälder. Aber man muss neben der notwendigen Renaturierung auch Wege finden, wie wiedervernässte Moorflächen wirtschaftlich genutzt werden können. Und Sand – der ist nach Wasser der meist verbrauchte Rohstoff überhaupt und entsprechend begehrt und umkämpft. Aber Sand ist nicht nur (kostbare) Masse, sondern auch „der Megastar unseres industriellen und elektronischen Zeitalters“, so haben das die Autor:innen einer Studie der ETH Zürich kürzlich formuliert. Sie verweisen darauf, dass Sand in noch stärkerem Maß als Erdöl für die Produktion von so verschiedenen Dingen wie Autoreifen, Pharmazeutika, Kosmetika, Kreditkarten, Putz- und Nahrungsmitteln, Glasfaserkabeln, Handys und Computerchips gebraucht wird. Das heißt: ohne Sand auch keine digitale Gesellschaft.

Apropos: Die Reihe findet derzeit coronabedingt digital statt. Und das Format wird auch zum Thema. Kann die Digitalisierung beim Klimaschutz helfen, oder inwiefern schadet sie auch?

Larissa Gumgowski: Die Frage, ob es nachhaltiger ist, sich online zu treffen, kommt seit Corona immer wieder auf. Man fragt sich: Überwiegen jetzt die CO2-Einsparungen dadurch, dass die Referentin nicht anreisen muss? Oder verbraucht das Zoom-Meeting sogar noch mehr Ressourcen? Und die Antwort lautet: Es ist kompliziert! Es hängt zum Beispiel davon ab, wie die Person angereist wäre, welche digitalen Geräte genutzt und ob weitere Aspekte von Nachhaltigkeit wie Lärmbelastung durch Autoverkehr einbezogen werden. Klar ist, dass die Digitalisierung enorme Mengen an Energie verbraucht. In Deutschland sind das etwa 8% des gesamten Stromverbrauchs. Aber dazu gehören eben nicht nur der Strom, den das Gerät verbraucht, sondern auch die Herstellung  und der Datenverkehr. Außerdem werden bei der Produktion Ressourcen wie Lithium, Cobalt und Gold verbraucht – vor allem in Ländern des Globalen Südens. Gleichzeitig sehen wir, dass die Digitalisierung an manchen Stellen zu mehr Nachhaltigkeit beiträgt. Zum Beispiel durch eine bessere Verknüpfung von Bus-, Bahn- und Bikesharing-Angeboten. Oder eben dadurch, dass Menschen durch Homeoffice und Online-Meetings generell weniger unterwegs sind und auch weniger „to go“ konsumieren. Im fünften Teil der Reihe schauen wir uns diese positiven und negativen Seiten genauer an und fragen uns, wie wir als Gesellschaft die Digitalisierung gestalten können, damit die positiven Effekte auf ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit überwiegen.

 

 

Veröffentlichung: 24.1.22

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