Warum sie uns hassen
Auf Einladung von Nitribitt e.V. und der Beratung für Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution (BBMeZ) liest Autor:in Ruby Rebelde im Theater Bremen aus dem Buch Warum sie uns hassen und spricht über Sexarbeit, Weißen Feminismus und tiefsitzende Vorurteile. Ein Auszug aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Verlags edition assemblage.
Sexarbeit! Begriff, Selbstbezeichnung und Othering
Warum schreibe ich /Sexarbeit/? Eine 2024 in Deutschland verfasste Streitschrift über Sexarbeit und Sexarbeitsfeindlichkeit ist undenkbar, ohne gleich zu Beginn eine Erklärung dafür zu liefern. Also warum benutze ich dieses Wort?
Und schon sind wir mitten im Thema:
Dieses Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem die Verwendung der Selbstbezeichnung „Sexarbeiter*in“ nicht mehr Sache derjenigen ist, die sich so nennen. Schon das Wort Sexarbeit löst oft heftige Reaktionen und mitunter aggressive Attacken aus. Das ist sehr aussagekräftig – und sehr deutsch. (Wenn ich im englischsprachigen Ausland bin und über Sexarbeiter*innenrechte spreche, schauen mich, wenn ich prostitution sage, alle ungläubig an. Dort hat sich, anders als in Deutschland, der Begriff sex work durchgesetzt.)
In Warum sie uns hassen verwende ich deswegen den Begriff Sexarbeit so konsequent wie möglich. Ich widersetze mich geläufigen – andersmachenden – Praxen, Sexarbeit oder Sexarbeiter*in in Anführungsstriche oder kursiv zu setzen. Manche benutzen sogar verballhornende Schreibweisen, wie „sexwörk“. Andere ignorieren den Begriff gleich ganz und sprechen stattdessen selbst in aufgeklärteren Kreisen von Prostituierten. Wie wir das sehen, wird nicht gefragt. Als klitzekleinen Wink mit dem Zaunpfahl stelle ich deswegen in dieser Streitschrift das Wort Prostitution und alle Ableitungen, wie Prostitutionsregime etc. konsequent kursiv. Ganz vermeiden lässt es sich noch nicht – zumindest hierzulande.
Jaja, der Lesefluss wird aber so unterbrochen: Gewollt. Und einkalkuliert. Die Irritation darüber – „Nichts darf man mehr sagen“: Gewollt und einkalkuliert. Denn mich entsetzt der Umgang mit einer Selbstbezeichnung.
Nur ein Wort? Eine Selbstbezeichnung!
Der deutsche Begriff Sexarbeit ist eine Übertragung aus dem Englischen. Die Künstlerin und Aktivistin Carol Leigh (1951–2022) prägte den Begriff Sex Work ab Mitte der 1970er. Leigh verband so ein feministisches Anliegen mit einer Wortneuschöpfung, die den Arbeitscharakter und somit auch die Arbeitsrechte von Sexarbeiter*innen betonte.
Leigh ging es 1975 – und uns geht es heute immer noch – um Inklusion und Menschenrechte. Der Ausdruck Sexarbeit vermittelt: Menschen in der Prostitution sind handelnde Subjekte und nicht verhandelbare Objekte. Für das strukturkonservative Deutschland bedeutet ein solcher Sprechakt bis heute noch einen massiven Bruch mit eingeübten Kommunikations- und Umgangsformen. Anders gesagt: Deutschland spricht über Huren statt mit ihnen.
Ab den 1980er Jahren begann der Begriff Sex Work sich im englischsprachigen Raum durchzusetzen. Heute ist sogar in rechtlichen Texten in den USA die Rede von sex work, obwohl dort per Prostitutionsregime (Prostitutionsregime meint die institutionelle Handhabung von Sexarbeit durch Gesetze und Verwaltungsakte) ein Verbot von Angebot und Nachfrage in fast allen Bundesstaaten herrscht.
Sorry, not sorry, die in Deutschland gern genommene Ausrede, „wegen des juristischen Sprachgebrauchs“ sei ein Verzicht auf den Ausdruck Prostitution unmöglich, ist also lang widerlegt. Wenn selbst in einem Land, das Sexarbeit verbietet, die Rede von Sexarbeitenden ist – dann ginge das auch hierzulande. Wenn man denn wollte.
Fast 50 Jahre später in Deutschland
Im Deutschen konnte der Begriff Sexarbeit dagegen kaum Fuß fassen und wird mittlerweile heftig angegriffen. In den meisten Medien wird er nicht (mehr) verwendet oder, schlimmer, in Anführungszeichen gesetzt. Darin kommt eine umfassende Andersmachung von Sexarbeitenden zum Ausdruck.
Diese sprachliche Respektlosigkeit ist Teil struktureller Gewalt, Diskriminierung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gegen Sexarbeiter*innen. Wer entscheidet darüber, wie eine „Randgruppe“ zu heißen hat? Wem steht es zu, die Selbstbezeichnung einer Personengruppe nicht anzuerkennen?
In Deutschland wird über Prostituierte und – noch viel lieber – abstrakt über Prostitution gesprochen. Die damit einhergehende Entmenschlichung ist bequem und entlastet. Schon geht es nicht mehr um die Personen, sondern um eine abstrakte Tätigkeit, der viele Vorurteile und Klischees vorauseilen.
Medienschaffende, Vertreter*innen des Weißen Feminismus, religiös-fundamentalistische Organisationen und Personen aus dem ultra-konservativen Spektrum nützt dieses andersmachende Sprechen über Sexarbeit. Sie streben eine Welt ohne Prostitution (Der Slogan Welt ohne Prostitution wird in dieser Veröffentlichung kursiv gesetzt, um den Charakter der Brückenideologie zu betonen. Vgl. Das Lagerfeuer der Anständigen [Anmerk. d. Redaktion: Ein weiteres Kapitel in Warum sie uns hassen]) an. Und halten das für die einzige Lösung, entgegen Stimmen aus der Menschenrechtsbewegung, aus der Forschung und von Betroffenen. Es ist bequemer, von der Welt ohne Prostitution als von der Welt ohne Prostituierte zu sprechen. Das klingt weniger feindselig, meint aber das Gleiche.
Dass das auf unsere Kosten, also auf die Kosten von Sexarbeiter*innen geht, wird kaschiert. Der Slogan Prostitution ist immer Gewalt lebt von einer Gleichsetzung: Er behauptet, zwischen Sexarbeit und Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung gäbe es keinen Unterschied. Prostitution sei eben per se Gewalt und frauenverachtend … Die Abschaffung der Prostitution nur zu unserem Besten.
Steter Tropfen …
Wortwahl und Wiederholungen beeinflussen allmählich Einstellungen, Gefühle und Haltungen, die einem Thema entgegengebracht werden. Insofern ist die Begrifflichkeit eben keine Kleinigkeit. Daran kann abgelesen werden, wie weit die Debatte um Sexarbeiter*innenrechte bereits entgleist ist.
Zeitraffer: Es begab sich zu einer Zeit, als der Begriff Sexarbeit noch häufiger in Verwendung war … Ja, auch das gab es mal. Es geht in diesem Buch um die demokratischen Rechte von Sexarbeiter*innen. Damit meine ich unser Recht auf Nicht-Diskriminierung, Chancen- und Verwirklichungsgerechtigkeit und Gewaltfreiheit, sowie Arbeitsrechte und natürlich alle Grundrechte. Selbstverständlich?! Zwischen dem sich weltweit vollziehendem Rechtsruck und zunehmenden Angriffen auf die demokratischen Rechte von Sexarbeiter*innen bestehen Zusammenhänge und Wechselwirkungen. Backlash und Neo-Konservatismus erzeugen wieder mehr Repressionen und Verdrängungslogiken für Sexarbeiter*innen. Rufe nach Verboten, Regulierung und Kontrollen werden lauter. Und doch behaupten all jene, das diene dem Schutz der Prostituierten.
Die Behauptung, all das geschieht nur zu unserem Schutz lenkt erfolgreich von den zentralen Fragen ab: Autorität oder Selbstbestimmung? Oder: Wer hat sich zu fügen und wer verfügt über wen?
Die Autor:in:
Ruby Rebelde lebt in Hamburg von Sexarbeit, Schreiben und politischer Bildungsarbeit. Seit 2018 engagiert sich die Autor:in für die Rechte diskriminierter Menschen, darunter besonders für die Rechte von Sexarbeiter:innen. Das Buch Warum sie uns hassen - Sexarbeitsfeindlichkeit besteht aus mehreren Teilen. Ruby Rebelde erläutert anhand der Verfolgungsgeschichte von Sexarbeiter:innen heutiges Stigma, Sexarbeitsfeindlichkeit und Hurenhass. Zusätzlich beschäftigt sich Warum sie uns hassen kritisch mit der verzerrten Medienberichterstattung über Sexarbeit und Menschenhandel, und fordert eine angemessene Repräsentation von Sexarbeitenden in der Debatte über sie und ihre Arbeit ein. Darüber hinaus ist das Buch auch eine Bestandsaufnahme der Bewegung für eine Welt ohne Prostitution, der politischen und gesellschaftlichen Strömungen dahinter, ihren Kampagnen und Strategien. Für Ruby Rebelde ist klar: Scheitert der Journalismus daran, Zusammenhänge und Motive der Anti-Sexarbeit-Bewegung zu berichten, müssen Sexarbeitende das eben selbst machen. Zentraler Bestandteil des Buches sind die Episoden, die alle genannten Teile miteinander verbinden. Die Episoden sind persönliche, intime Schilderungen und erzählen von Begegnungen, Erfahrungen und Herausforderungen im Leben einer Sexarbeitenden.
Am Montag, dem 20. Oktober gibt es Lesung und Gespräch mit Ruby Rebelde: Warum sie uns hassen. Sexarbeitsfeindlichkeit um 19:30 Uhr im noon / Foyer Kleines Haus. In Kooperation mit Nitribitt e.V. und Verein für Innere Mission Bremen. Eintritt frei.
Veröffentlicht am 13. Oktober 2025.