Warum wir das brauchen
Bei der Jungen Akteur:innen-Produktion Die jüngste Tochter nach dem gleichnamigen Roman von Fatima Daas sind Team und Ensemble BIPoC. Dramaturg:in Canan Venzky erklärt, warum es Räume für Menschen braucht, die von Rassismus betroffen sind.
Wir leben in einer Gesellschaft, die von Rassismus geprägt ist. Das ist erstmal ein Fakt. Nicht subjektiv, nicht eine Meinung, sondern einfach ein sehr klarer Fakt. Dafür müssen wir nicht mal verstehen, dass Rassismus ein über Jahrhunderte aufgebautes System ist, sondern darauf gucken, was in den letzten Jahren passiert ist. Schon da findet man Fälle wie Lorenz, der in Oldenburg von der Polizei erschossen wurde und wo viele Aktivist:innen und auch Expert:innen einen rassistischen Hintergrund befürchten. Oder die Aussagen von Friedrich Merz, der sich über das „Stadtbild“ beschwert, und wir alle ganz genau wissen, was er meint … Wenn im Bundestag immer und immer und immer wieder über genau das Gleiche diskutiert wird. Wie die Zahlen für die AfD steigen und ein bestimmtes Feindbild aufgebaut wird. Das macht Angst, vor allem bei den Menschen, die damit gemeint sind. Die das Gefühl haben, zu etwas gemacht zu werden, was sie nicht sind. Dass sie zu etwas „anderem“ gemacht werden. Etwas, was nicht hierher gehört.
Junge Menschen verinnerlichen das, weil es ihnen überall begegnet.
Alle Räume, die wir haben, sind Käseglocken für weiße Menschen, sind für sie gemacht, allein dadurch, dass sie in dieser Gesellschaft existieren. Junge BIPoCs laufen durch diese Welt und werden jeden Tag damit konfrontiert, etwas nicht zu bekommen, sei es gute Noten, obwohl sie sich wirklich bemüht haben, Jobs, Wohnungen, die ihre Eltern wegen eines Nachnamens nicht bekommen oder eben Theaterkurse. Kultur, die sie als Störfaktor wahrnimmt, wurde sogar aus einem System erschaffen, das dazu da war, um sich über sie lustig zu machen. Um dem entgegenzuwirken, um einmal einen Raum zu haben, wo sie sich nicht damit befassen müssen, „anders“ zu sein. Einen Raum, der für sie gemacht ist, mit Erwachsenen, die genau verstehen, wie weh so etwas tun kann. Für einen Moment, der im jungen Alter einfacher ist, der ihnen Kraft gibt und wo sie vielleicht auch kurz über Merz mit einem weinenden Auge lachen können. Wo es ein Miteinander gibt, wo nicht nach den Haaren, der Sprache, der Farbe von irgendwas gefragt wird. Für einen Moment Ruhe. Miteinander. Verständnis. Dieses eine Mal gibt es einen Raum für sie.
Dabei geht es nicht darum, Ausschluss zu schaffen, sondern ihn aufzufangen. Ein Defizit auszugleichen und junge Menschen in ihrem Sein, ihrer Existenz und ihrem Selbstbewusstsein zu stärken.
Dies wollen wir mit unseren BIPoC-Produktionen bei den jungen Akteur:innen wie Tell me your Story, All Bodies, All Beauty, Shining on me und jetzt eben mit Die jüngste Tochter bewirken. Einen geschützten, empowernden Raum, in dem wir miteinander lernen, was es bedeutet, als nicht-weißer Mensch in dieser Gesellschaft zu leben und wie wir uns gegenseitig stärken können. Was einem helfen kann, wenn man das Gefühl hat, alles ist irgendwie gegen einen. Räume, die einem das Gefühl geben, darin nicht alleine zu sein. Dass wir uns das nicht einbilden, dass all diese Verletzungen real sind. Dass unsere Existenz schön ist, bereichernd und genauso in dieses Land gehört wie alle anderen auch. Die Kultur in Deutschland, sei sie hoch oder nicht, kann man nicht ohne eine migrantische Perspektive denken. Das Theater auch nicht. Also wollen wir hier und jetzt unsere Geschichten erzählen. Für uns. Mit uns. Gestärkt und zusammen.
Veröffentlicht am 17. April 2026.