Das Theater Bremen sammelt wieder Lebensmittel für die Tafel Bremen
Vor einem Jahr hat die Dramaturgin Brigitte Heusinger mit der damaligen Vorsitzenden der Tafel Bremen, Ilse Stümpel, ein Interview anlässlich der Premiere von La Bohème gemacht. Kurz vor der Wiederaufnahme haben sich die beiden nochmal getroffen.
Bald kommt sie wieder: Puccinis Weihnachtsoper La Bohème in der Inszenierung der Schauspiel-Hausregisseurin Alize Zandwijk. Es war nicht nur die hohe Emotionalität, die das Publikum beglückte und stark berührte, sondern auch die Verankerung in unserer nicht immer rosigen Realität, die die Besucher:innen zahlreich kommen ließ: die Zusammenarbeit mit der Bremer Tafel. Im zweiten Akt kann man ihn auf der Bühne sehen: den Ort, an dem gespendete Lebensmittel für bedürftige Bürger:innen von ehrenamtlichen Helfer:innen ausgegeben werden. Aber damit nicht genug. Die Zuschauer:innen wurden aufgefordert, zu den Vorstellungen unverderbliche Lebensmittel mitzubringen und sie taten es in Mengen. Ilse Stümpel von der Tafel Bremen schwärmt:
„Pro Vorstellung kamen ca. 20 Kisten mit oft erstklassigen Produkten zusammen.“
Gerührt hat sie, dass sich einige Spender:innen richtig Gedanken gemacht hatten und nicht nur die Nudeln, sondern auch gleich die Soße dazu mitgeliefert haben. Aber auch die Mengen an Lebensmitteln, um die wir gebeten hatten, wie Schokolade, Kaffee, Tee, Nudeln, Reis, Haferflocken waren hoch willkommen. Und bei jeder Vorstellung standen Vertreter:innen der Bremer Tafel hinter einem kleinen Stand im Foyer. Sie verteilten Flyer, erzählten von der Tafel, erhielten viel Anerkennung für ihre Arbeit und – ja – eine dezent aufgestellte Spendendose gab es auch, in der sich immer reichlich Geld fand. Und viele Besucher:innen, die direkt aus dem Büro kamen oder den Lebensmittelaufruf einfach übersehen hatten, überwiesen auf das Spendenkonto der Tafel mit dem Stichwort „La Bohème“.
Also ein voller Erfolg.
Jetzt ist über ein Jahr seit der Premiere von La Bohème vergangen und ich treffe Ilse Stümpel wieder. Sie ist nach wie vor in der Tafel Bremen (hoch-)aktiv, auch wenn nicht mehr im Vorstand. „Jetzt sollen mal die Jüngeren ran“, sagt sie. Aber das ist nicht die einzige Veränderung. Der Tafel geht es schlechter. In Bremerhaven musste sich ein neuer Verein gründen, denn die ursprüngliche Tafel schloss aufgrund finanziellen Notstands. Hier hilft Bremen ab und zu aus und schießt Waren zu, denn „es kann ja nicht angehen, dass die ärmste Stadt Deutschlands keine Tafel hat.“
Aber auch in Bremen gibt es Probleme.
In der jetzigen Halle in Hemelingen droht auf Dauer das Dach einzustürzen, das mit Eisenträgern vorübergehend gesichert werden musste. „Es geht so nicht weiter. Wir haben uns bemüht, neue Räumlichkeiten zu finden und das ist uns gelungen, auch mit Straßenbahn- bzw. Busanschluss, denn die Menschen müssen ja zu uns kommen können. Der neue Ort in der Insterburger Straße in Hastedt, der voraussichtlich im März bezugsfertig sein wird, ist viel schöner, aber kostet fast doppelt so viel Miete. Und so werden wir die Eintrittspreise erhöhen müssen.“ Bisher kostete der Eintritt für Einzelpersonen 2 Euro, für Mehrpersonenhaushalte 3 Euro. Ab Januar wird jeder Erwachsene 3 Euro zahlen und jedes Kind 50 Cent, die Deckelung für Familien wird bei 10 Euro liegen. „Es wird noch Ärger geben“, sagt sie, betont aber, dass es alternativlos sei: „Wir haben einfach zu hohe Betriebskosten. Der Fuhrpark, die gestiegenen Energiekosten und die Unsummen für die Schädlingsbekämpfung. Denn wo Lebensmittel sind, sind Mäuse.“ Zudem wird der Bedarf nicht kleiner, sondern größer.
Die Tafel kann nicht alle Interessierten bedienen, die Warteliste ist lang.
Nachgerückt kann nur werden, wenn andere nicht mehr kommen. „Und wir sind keine Vollversorger und können nur das verteilen, was wir haben.“ Und auch das wird weniger, denn bei den Supermärkten habe sich was getan: „Sie denken um, kalkulieren anders, weil sie die Lebensmittelverschwendung begrenzen. Total vernünftig, aber schlecht für uns.“
Auch an Helfer:innen mangelt es.
„Bisher hatten wir immer Leute aus Beschäftigungsmaßnahmen des Jobcenters. Das ist vorbei. Es gibt kaum noch Leute, die Ein-Euro-Jobs machen.“ 220 ehrenamtliche Helfer:innen gäbe es nach wie vor. Aber auch hier würden neue Leute gebraucht, Leute, die sich eben nicht zu fein seien, auch mal den Boden zu wischen. Aber sie wäre nicht die engagierte und immer kämpferische Ilse Stümpel, wenn sie jetzt nicht sofort unser Gespräch nutzen würde, um gleich Stellenbeschreibungen durchzugeben: „Man kann auch an der Kasse sitzen oder was wir immer brauchen, sind Menschen, die dolmetschen können.“ Und besonders gut sei Russisch.
Die Situation der Bremer Tafel klingt also insgesamt nicht rosig.
Aber wenn Ilse Stümpel so ihren Alltag schildert, mir erzählt, dass sie sich im Internet ein paar Brocken Russisch beigebracht hat und ihre Kund:innen von dort jetzt mit „Ich freue mich, Sie kennengelernt zu haben“ begrüßt und ein dankbares Lächeln erntet, merkt man, wieviel Sinn in der Arbeit steckt und wie sehr sie sie begeistert. Und es geht nicht nur ihr so.
Wenn Sie als Leser:in vielleicht eine Möglichkeit zur Rettung Ihres vorweihnachtlichen Seelenfriedens suchen, gibt es durchaus Möglichkeiten:
Sich ehrenamtlich engagieren (info@bremertafel.de), per Überweisung spenden (IBAN DE37 29050101 0011526464, Sparkasse Bremen), die Spendendose während der Pause von La Bohème befüllen oder viele, viele unverderbliche Lebensmittel mit zur Vorstellung bringen. Die Tafel und das Theater Bremen sagen: Danke!
Veröffentlicht am 2. Dezember 2025.